Glücklich hatten wir den Teutoburger Wald überquert und in einer wunderschönen Serpentine den Ort Lienen erreicht. An der Kreuzung zwei Cafés. Vor einem standen schwere Motorräder, zumeist Harley-Davidsons und ein gemütlicher Mensch mit Cowboyhut an einer Kaffeebar. Gegenüber, noch im Schatten, das örtliche Eiscafe. Wir entschieden uns für die Sonnenseite. Country- und Western Musik, drang aus der Schwingtür. Behagliches Holzmobiliar, eine Vitrine mit Donuts und Muffins aller Arten, ein solider Kessel mit frisch gebrühten Kaffee.
Wir lehnten unsere Drahtesel lässig an einen Pfosten, setzen uns nieder, sprachen über dies und das, unter
anderem, dass diese schönen Räder nach all den Jahren doch so treu ihre Dienste leisten und
nun sogar den eigenen Söhnen zum Rennradlerglück verhelfen. Technik, die
begeistert!
Fast eine Stunde hatten wir im Halbschatten gesessen und dem bunten Treiben aus Sonntagsausflüglern, Radlern und Motorradfahrern zugesehen. Wir bestiegen unsere Räder, nachdem wir uns über die weitere Richtung grob orientiert hatten. Und dann, kaum öffnete sich der Weg herrlich asphaltiert in satte grüne Felder sprang die Kette von L.' s Rennrad auseinander. Ich lachte. Ich hatte mich auf eine Fülle möglicher Defekte eingerichtet, man liest bisweilen von Weltumradlern, die für diesen Fall eingerichtet sind, aber als gewichtsbewusster Rennradler führt man keine Ersatzkette und Kettennieter mit sich und so mussten wir eben improvisieren.
Wir lehnten die Räder an eine Hecke, der Kettenbolzen war
verschwunden. Wir suchten die Straße zu zweit systematisch ab, in der
Mittagshitze von ein paar Vorbeiradlern beäugt. Eine Dame aus dem Ort fragte, ob wir nach
Gold suchten. So ungefähr, sagte ich. Dann verschwand sie.
Ich packte zwei Arzthandschuhe aus und gemeinsam fanden
wir, dass Kabelbinder vielleicht auch zum Ketteflicken taugen könnten.
Allerdings fand L. bei der Googlesuche im Telefon unter »Kettenriss« und »Kabelbinder«
keinen einzigen Treffer. Kein gutes Zeichen!
Dennoch gelang es, die Kette mit diesem Wunderplastikteil wieder zu verbinden, aber nun lief sie sehr unrund über die Rollen
des Ritzelwechslers und es war klar, dass diese Lösung vermutlich zurecht in
der großen weiten Welt des Internets ergebnislos blieb.
Doch dann ersann ich eine Möglichkeit, mit dem
Kabelbinder den verlorengegangenen Kettenbolzen nachzubauen. Aber auch das
gelang nicht. Inzwischen kam unsere Dame wieder vors Haus, erkundigte sich nach
uns (denn offenbar hatten wir noch immer kein Gold gefunden) und ich fragte sie
nach einem Besen. Wir würden an Pfingsten die Straße blitzeblank fegen, in der
Hoffnung den verlorenen Bolzen zu finden. Sie ging in die Garage, brachte uns
einen breiten Besen und ich begann die Dorfstraße penibel vom Dreck zu befreien.
Ihr verstorbener Mann habe in der Werkstatt auch noch einiges Kettenzubehör. Fassungslos schaute ich sie an. Ich hatte ihr noch nicht einmal zugetraut, dass sie unser Problem halbwegs erkennen würde. Nach 5 Minuten zauberte sie ein nagelneues Kettenglied mit zwei wunderschönen Bolzen und einem Verschluss hervor. Ich brauche diesen nicht zurückgeben, sie werde in ihrem Leben keine Kette mehr reparieren, sagte sie westfälisch ernst. Das habe immer ihr Mann gemacht, aber der sei ja nun nicht mehr. Ich bedankte mich und dachte an den Heiligen Geist, den wir im Morgengottesdienst im Osnabrücker Dom auf uns heruntergerufen hatten.
Geradezu euphorisiert kehrten wir zum Fahrrad zurück. Und
tatsächlich, das Kettenglied passte sich wunderbar in die eine Seite der Kette
ein, nicht jedoch auf der anderen Seite. Ich hätte sogar eine Zange dabei, aber
auch damit gelang es nicht, den Bolzen hineinzutreiben. Jede Kette ist eben
eigen, und schließlich gaben wir uns geschlagen. Eineinhalb Stunden hatten wir
probiert, im Sauerland hätte man wohl gesagt »gefrickelt«
Wir entfädelten die Kette, entsorgten diese und die öligen
Handschuhe in eine Plastiktüte, räumten unsere Straßenwerkstatt auf und warfen alles in einen nahen Container.
Der Weg zurück zum Western-Saloon war nicht lang, der Servicewagen mit T. aus Osnabrück bereits verständigt und es gibt Schlimmeres, als im Biergarten auf die Liebste zu warten.
Dort wurden wir freudig aufgenommen und schließlich
hatten wir bereits den vermeintlich schönsten Teil unserer Rückfahrt erlebt.
Das Rennrad bekommt nun nach 10.099 km eine neue Kette spendiert und wird
danach zufrieden schnurren wie ein Kater in der Mittagsglut von Lienen, einem
Ort wie Mokassin Flat, den sich Janosch für seinen Mäusesheriff nicht besser hätte ausdenken
können.
Die Schwingtür ging auf und zwei eisgekühlte Bier im
Bügelverschluss krachten auf unsere Tischplatte. Zum Wohlsein!