Sonntag, 4. Oktober 2026

Als Bensberg den Zauber Monacos hatte…




Nach Bensberg zu kommen und die Innenstadt zu sehen, ist für mich noch immer ein schmerzvoller Prozess. Als wir dorthin zogen, ragte am Ende meines Schulwegs zur Grundschule das neue Rathaus auf – ein Bauwerk, das die Stadtoberen, die es selbst verantworteten wenig schmeichelhaft als „Affenfelsen“ bezeichneten.

Eine unsägliche Rolle spielte dabei der damalige Stadtbaurat Willi Franzen. In seiner Amtszeit gelang es ihm, die Stadt mit wuchtigen Betonfantasien systematisch zu verändern und vieles von dem zu zerstören, was Bensberg einst seinen besonderen Charakter gegeben hatte. Das reichte von der Ansiedlung des Wohnparks „Klein-Manhattan“ bis zum Schleifen der Wipperfürther Straße, die sich einst in einer pittoresken Serpentine hinauf zum Schloss wand.

Als Kind erinnerte mich dieser Anblick immer auch an die Schikane im Hafen von Monaco, die alljährlich im Mai für das Formel-1-Rennen hergerichtet wurde. Damals kannte ich dieses Rennen allerdings nur aus den Comics von Michel Vaillant. Die Vorstellung, dass es einen Ort gab, an dem sich eine spektakuläre Rennstrecke durch eine Stadt und unmittelbar am Hafen entlangschlängelte, faszinierte mich.

Heute würde man ein solches Ensemble vermutlich mit ganz anderen Augen betrachten und seinen städtebaulichen Wert erkennen. Zu meiner Schulzeit war das Schloss allerdings noch – als Folge des Zweiten Weltkriegs – vom belgischen Militär okkupiert. Wir kannten es eigentlich gar nicht. 


Bensberg, einst das Tor zum Bergischen Land, hatte dadurch viel von seinem Charme verloren.

So prominent das neue Rathaus auch sein mochte: Der sogenannte „Franzenriegel“ versperrte bald den Blick auf das moderne Ensemble so, als bereue er einst für das wegweisende Böhm – Rathaus, den Weg frei gemacht zu haben. Und ausgerechnet der Grund und Boden, auf dem die neuen massiven Bauwerke errichtet wurden, war alles andere als dafür geeignet.

Die sogenannte Fußgängerzone hat seit ihrer Umgestaltung Mite der 1970er-Jahre manches „Lifting“ erlebt. Mehr als eine Abmilderung der schlimmsten ästhetischen Sünden konnte daraus allerdings kaum werden.



Ich erinnere mich auch noch ziemlich genau, dass ich damals die Entwurfsdarstellungen im Rathaus als junger Schüler ansah und hoffte, es handelte sich hierbei nur um besonders hässliche Bausätze einer Modelleisenbahn. 

So bleibt am Ende vor allem der verklärte Blick zurück – und die Erinnerung an Bensberg, wie es sich einem achtjährigen Jungen damals zeigte. Ich empfinde Trauer, zu sehen, wie sehr unsere Städte in den Wohlstandszeiten nach dem Krieg ein zweites Mal zerstört wurden. 

Samstag, 3. Oktober 2026

Ein Radsportklassiker – Back to 1982


Ein Klassiker der Radsportliteratur. Als ich 1981 mein Rennrad kaufte, begann ich sehr bald, von hier aus das Bergische Land zu erkunden. Die Fahrt nach Lindlar zur Eisdiele gehörte zu den klassischen Ausfahrten, die ich mit meinem Bruder nach Feierabend unternehmen konnte.

Eine Variante dieser Tour unternehme ich am Wochenende mit Th53. Wir starten an der Kauler Kreuzgasse, die unserem alten Startpunkt und unserem Zuhause am nächsten liegt. Hinauf geht es zum Bensberger Schloss, in Richtung Moitzfeld und über die Höhen mit Blick auf den Kölner Dom weiter nach Herkenrath.

Das Terrain zeigt sich unverändert; selbst der Radweg scheint zuletzt vor über 40 Jahren geteert worden zu sein. In Herkenrath biegen wir auf der Höhe nach Bärbroich ab und fahren über eine alte Kreisstraße hinunter ins Sülztal. Malerisch schlängelt sich die Straße am Gewässer entlang, mündet schließlich in die Verbindung von Immekeppel nach Lindlar, und an der alten Tuffi-Molkerei geht es hinein ins Herz dieser schönen Landschaft.

Aus der Erinnerung tauchen die Raser und Motorradfahrer von früher wieder auf, die immer noch unterwegs sind. Unter den Motorisierten herrscht hier wirklich ein anderes Klima, wenn man es mit unserer beschaulichen Eifel-Landschaft vergleicht.

Der Anstieg auf die Höhen ist mühsam, wird aber mit 360-Grad-Blicken belohnt. Die Sonne scheint, es könnte nicht schöner sein. Schließlich erreichen wir Neuensaal. Diese Verbindung von Bensberg nach Altenberg ist eine schöne Querstrecke, und ein kurzes Teilstück der kurvenreichen Achterbahn nach Biesfeld gehört zu den schönsten Abschnitten, die man im Bergischen befahren kann.

In Biesfeld geht es in Schussfahrt hinunter nach Dürscheid. Dort hat sich offenbar ebenfalls in 40 Jahren nichts verändert, außer dass sich der Verkehr vervielfacht hat. Eine stattliche Zahl von Muscle Cars quält sich den Anstieg nach Spitze hinauf, weil es auf der engen Straße keine Möglichkeit gibt, an uns Radlern vorbeizufahren.



Wir fahren zurück nach Herkenrath und auf bekannten Wegen. Vor uns liegen die Kölner Bucht und das zum Greifen nahe Siebengebirge; ein Scheich feiert seine Verlobung, und auch sonst tummelt sich ein wenig Halbweltpublikum vor der festlichen Kulisse.

Ein Besuch meiner alten Pfarrkirche St. Nikolaus und des Treffpunkts daneben, mit Blick in die Gruppenräume, gehört ebenfalls dazu.



Durch die Fußgängerzone, die nach der Zerstörung Bensbergs durch örtlichen Stadtplaner Ende der 1970er-Jahre mehrere Liftings erlebt hat, fahren wir wieder zu unserem Ausgangspunkt, der Kauler Kreuzgasse. Dort hatte ich früher mit meinem Freund J. schon einmal einen Fronleichnamsaltar vorbereitet.

Schön, diesen Moment aus der Vergangenheit mit meiner Liebsten zu teilen.




Sonntag, 27. September 2026

Heimatkunde: Einmal um den Hambacher See

 



Es gibt Ausflugsziele hier in der Region, die müssten zum Besuchskanon gehören.

Am Rand des Grand Canyon stehend, war ich nicht weniger fasziniert als am Besucherzentrum des Tagebaus Hambach. Auch wenn man über diese Form der Energiegewinnung trefflich streiten kann, darf man sich nun auch darüber freuen, dass sie ein Ende hat – vorausgesetzt, wir wissen, unseren Energiebedarf klug anders zu decken.

Für Landschaftsplaner dürfte dies eine Generationenaufgabe sein: einen solchen immensen Eingriff in die Natur durch Neugestaltung zu kompensieren. Die Pläne, die beiden Tagebaugruben zu fluten, sind monumental und ebenfalls eine mindestens zwei Generationen umfassende Aufgabe.

Umso wichtiger ist es, sich diese Sehenswürdigkeit noch einmal anzusehen. Obwohl ich schon fünfmal dort war, war auch dieser Besuch nicht weniger faszinierend.

Das gehört in jeden Heimatkundeunterricht: Eine Radtour um den Braunkohletagebau Hambach. Wir fahren hier mit dem Fahrrad durch eine Landschaft, die sich in den letzten fünfzig Jahren vollständig verändert hat.



Seit 1978 werden hier die oberen Bodenschichten abgefräst, um die Kohleflöze freizulegen. Unsere Tour beginnt in Mannheim-neu, einem neu angesiedelten Ort. Das Original – Mannheim-alt – existiert nicht mehr offiziell. Nach dem Beschluss der Energiewende wurden die Umsiedelungspläne zwar aufgehoben, aber es gab keinen Weg zurück. Der alte Ort war größtenteils bereits abgerissen.

In Manheim-neu finden sich ein modernes Bürgerzentrum und die wiederaufgebaute Pfarrkirche aus dem alten Ort — ein Symbol der Kontinuität in einer veränderten Landschaft.


Von Manheim-neu führen gut ausgebaute moderne Straßen bis zur Abbruchkante. Das Besucherzentrum Terra Nova bietet einen weiten Blick auf den Tagebau. Die Grube geht bis in 325 Meter Tiefe. Die riesigen Schaufelbagger verschwinden in der Ferne beziehungsweise in der Tiefe.


Eine gut ausgebaute Straße mit schönem Radweg führt von hier weiter. Ein Informationsstand dokumentiert die Pläne für den künftigen Hambacher See: Bis zum Ende der Braunkohleförderung — geplant für 2029 — werden die unermüdlichen Bagger noch arbeiten. Dann beginnt die Flutung. Ab 2029 wird Rheinwasser von Dormagen aus in den Tagebau Hambach und in den nördlichen Tagebau Garzweiler geleitet. Bis 2070 sollen insgesamt 7 Millionen Kubikmeter Wasser den See füllen. Ob der Klimawandel allerdings so viel Wasser hergibt, bleibt abzuwarten.



Die Route passiert Baustellen der Rheinwasserzuleitung und führt an alten Alleen vorbei. Höllen ist einer der typischen Orte. Viele andere dieser Größe sind seit 1978 an anderer Stelle verschwunden. Die Ziegelsteinhäuser aus unterschiedlichen Jahren prägen das Bild. Man ahnt, wie die Landschaft ausgesehen haben mag.



Weiter geht es um die Sophienhöhe — eine seit 1978 aufgeschichtete Abraumhalde, inzwischen systematisch bewaldet. Die Sophienhöhe ist inzwischen eine der höchsten Erhebungen in Nordrhein-Westfalen und bietet Wanderwege und Ausblicke über die gesamte Tagebaulandschaft. Alles Abraum plus Mutterboden.   



Wir erreichen den namengebenden Ort Hambach – unauffällig in seiner Erscheinung, aber bekannt durch seinen Forst. Der Hambacher Wald liegt allerdings mehrere Kilometer westlich. Hier war lange umstritten, ob er dem Tagebau weichen müsse. Es kam zu Blockaden und Protestaktionen. Inzwischen hat sich die Situation beruhigt. Der Forst blieb teilweise bestehen, ist aber durch die Besetzeraktivitäten sehr mitgenommen.



Die Route führt weiter nach Bürgewald, früher unter dem Namen Morschenich bekannt. Dieser Ort sollte verschwinden – mit dem Tagebau sollte er abgebaggert werden. Nach der Energiewende wurde die Umsiedlung nicht durchgeführt. Die meisten Bewohner waren zu der Zeit schon umgesiedelt. Morschenich blieb erhalten und wurde 2023 in Bürgewald umbenannt, mit dem Untertitel »Ort der Zukunft«. Aber es ist ein Geisterort mit geisterhaften Restbewohnern oder Neubewohnern.


Die profanisierte Kirche ist 2023 abgebrannt. Der Ort steht direkt an der Tagebaukante. Am künftigen See gibt es offenbar Kritik. Naja, um die Frischwasserproblematik schweigen sich die Infotafeln aus.


Ähnlich wie in Bürgewald stand Manheim-alt schon lange auf der Abbaggerliste. Nur noch die ehemalige Pfarrkirche steht. 2015 feierte man ein letztes Schützenfest und Gottesdienst und beendete die Ansiedlung. Die Kirche ist markanter Punkt und stilles Monument der Umsiedelung geblieben. Die ausgebauten Fenster der Kirche haben in der modernen Pfarrkirche in Manheim-neu  wieder Verwendung gefunden. Aber auch dieser bereits abgeräumte Ort bleibt verschont und wird in der zukünftigen Planung als Standort für einen Aussichtsturm gehandelt. 


Die komplette Radtour bildet eine 58-Kilometer-Schleife und führt einmal um die gesamte Tagebaulandschaft. Es ist eine einzigartige, von Menschen umgestaltete Landschaft. Ab 2030 beginnt der lange Weg der Renaturierung und vielleicht auch der Schaffung neuer lebenswerter Räume.



Freitag, 18. September 2026

Auf Walfang


Wenn es ein Schiff der Köln-Düsseldorfer Schiffsgesellschaft gibt, an das ich mich aus meiner Kindheit erinnere, dann ist es die „Moby Dick“. Passenderweise haben wir einen runden Geburtstag auf diesem Schiff gefeiert – damals war der Dampfer gerade 50 Jahre alt geworden. Auch mit unserem ältesten Kind verbinden sich Erinnerungen an dieses Schiff.

Normalerweise fährt die „Moby Dick“ eher in Richtung Siebengebirge. Umso schöner war es, als sie mir auf meiner täglichen Fahrt zwischen Köln und Bonn am Abend entgegenkam. Und dann noch an einem der schönsten Abschnitte des Rheins, an der Schweizer Aussicht in Widdig.

Ein großartiger Moment, den ich unbedingt festhalten wollte. Walfang auf ökologisch ohne Drama.

Vaterland im Rex


Es ist schön, dass es Orte gibt, die sich seit der eigenen Zeit in Bonn kaum verändert haben. Das Rex-Kino gehört dazu – und hat zugleich eine bewegte Geschichte.

Eröffnet wurde es am 7. März 1952 in einem im Krieg beschädigten Saal der Gastwirtschaft „Zum Frohnhof“ an der Frongasse. Ende der 1970er-Jahre musste das Kino im Zuge der Kinokrise schließen. 1981 wagte ein studentischer Filmklub den Neuanfang und machte aus dem Rex wieder ein Programmkino. Seitdem wird es von der Rex-Lichtspiel GmbH betrieben und zeigt vor allem europäische Arthouse-Filme.

Heute wirkt der Kinosaal, der seit der Wiedereröffnung kaum verändert scheint, ebenso wie der Vorraum wie eine Zeitkapsel. Eine kleine Welt aus einer Zeit, die es so nicht mehr gibt.

Gezeigt wurde diesmal ein dokumentarischer Spielfilm über Thomas Manns einwöchige Reise nach Frankfurt am Main und Weimar anlässlich Goethes 200. Geburtstags. Der Saal war angenehm gefüllt. Ganz überzeugen konnte uns der Film nicht. Aber er gab Anlass, über Thomas Mann, seine Reise und diese besondere Begegnung mit Goethe noch einmal nachzudenken und ins Gespräch zu kommen.

Ein schöner Augenblick – am richtigen Ort.

Dienstag, 15. September 2026

Chorprobe


Was wäre ein Leben ohne Musik? Und was wäre Musik ohne Menschen?

Unser wöchentlicher Chorgesang hat viele Zwecke. Dieses Mal trifft sich ein kleiner Kreis, um den Gesang für die Begräbnismesse unserer Chorschwester vorzubereiten. Wir proben dort, wo sie selbst jahrzehntelang gesessen hat.

Ihre Noten liegen vor uns. Sauber mit Bleistift beschriftet, mit ihren Eintragungen versehen, gehen sie nun in die Hände einer anderen Sängerin. Darin liegt etwas Tröstliches: Auch in diesem Moment bleibt jemand gegenwärtig, der so lange seine Stimme gegeben hat.

Und weil sie ein fröhlicher Mensch war, stehen die erfrischenden Getränke für danach schon bereit.

Sonntag, 13. September 2026

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke.


Um eine lückenlose Verbindung zwischen Bonn und dem Nordkap herzustellen, fehlt noch genau ein Teilstück: Hameln–Berlin.

Eine dienstliche Veranstaltung im Adlon bot Gelegenheit, auf dem Hinweg das Fahrrad mitzunehmen und den Anzug dann zusammen mit den zurückzusendenden Tagungsunterlagen auf den Heimweg zu geben, um mit kleinem Gepäck in zwei Tagen diese Lücke zu füllen.



Der Doorman vor dem Hotel macht noch ein Foto, dann fädle ich mich in den Feierabendverkehr in Berlin ein und verlasse über die Heerstraße die Stadt Richtung Westen. Nach dem Funkturm ist alles prima. Das Radwegenetz in Berlin ist besser als sein Ruf, und so gelange ich schnell, grob Richtung Potsdam, nach Brandenburg.


Ein Teil der Route führt über den Mauerweg, der hier, von der Natur überwältigt, seinen Schrecken längst verloren hat. Viele Gewässer, aufgeräumte Natur und vor allem wunderbare Straßen, oft mit einem separaten, gut geteerten Fahrradweg. Tatsächlich gibt es auf meiner 400 Kilometer währenden Tour keine einzige unangenehme Verkehrsbegegnung.


Im Osten geht die Sonne schneller unter. Kurz nach acht ist es dunkel, aber gut beleuchtet folge ich den vielen Kreiseln und langen Geraden, mäandriere zwischen den Gewässern und bin überrascht, dass selbst einen halben Kilometer vor der Stadtgrenze von Brandenburg kein Lichtermeer auf mich wartet. Es ist wirklich dunkel, wenn man über Land fährt.

Es ist wenig los an diesem Freitagabend, und durch ein Industriegebiet erreiche ich ein gewaltiges Hochhaus alter Prägung mit Mischnutzung, auch als Hotel. Schmuckloses Entree, das Fahrrad passt so gerade in den Aufzug, dann eine großzügige Suite.

Es ist 22 Uhr. Um 4 Uhr morgens soll es weitergehen.

Die Nacht ist kurz. Eine erfrischende Dusche, kein Frühstück, und nun geht es erst einmal auf endlosen Geraden durch die Nacht. 13 Kilometer geradeaus, dann ein leichter Schwenk, 12 Kilometer geradeaus – und so geht es immer weiter, bis ich um 20 nach 6 Burg erreiche.

Im Osten fängt der Tag früher an.



In der Bäckerei bin ich der erste Gast. Herrliches Frühstück. Meine erste Standzeit. Es hätte auch Knäckebrot sein können, denn die älteste deutsche Fabrik für dieses Gebäck steht hier.



Dann erreiche ich das Wasserstraßenkreuz, an dem der Mittellandkanal über die Elbe geführt wird. 



Ein gewaltiges Bauwerk, dessen Geschichte weit zurückreicht. Schon 1905 begann der Bau des Mittellandkanals. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren bei Magdeburg bereits wesentliche Teile der späteren Kanalbrücke und der Schleusenanlagen errichtet. 1942 kam der Baustopp. In der DDR wurde das Vorhaben zunächst nicht weiterverfolgt; zu groß waren Aufwand und Materialbedarf, und an einer Ost-West-Verbindung bestand wenig Interesse. Mehr als sechs Jahrzehnte standen die alten Widerlager an den Ufern der Elbe. Erst nach der Wiedervereinigung wurde die Verbindung wieder aufgenommen, nun mit dem Ziel, die Wasserstraßen zwischen Hannover, Magdeburg und Berlin durchgehend auszubauen. 2003 war es so weit: Die Kanalbrücke über die Elbe wurde fertiggestellt. Die neue Schleuse Rothensee ersetzte das inzwischen veraltete Schiffshebewerk. Ich fahre mit dem Rad über dieses Stück deutscher Verkehrsgeschichte.



Auf gut ausgebauten Straßen und durch aufgeräumte Orte erreiche ich dann den Punkt östlich von Helmstedt, an dem die deutsche Teilung und zugleich die Teilung Europas besonders deutlich sichtbar wird.

Helmstedt-Marienborn war der größte und bedeutendste Grenzübergang an der innerdeutschen Grenze. Über die Autobahn 2 lief hier die Hauptlast des Transitverkehrs zwischen Westdeutschland und West-Berlin. Zugleich führte der Weg für Reisende in die DDR, nach Polen und in andere Staaten des Ostblocks über diesen Kontrollpunkt. Von 1945 bis 1990 regelten hier die westdeutschen und ostdeutschen Kontrollstellen den Grenzverkehr. Auch die Eisenbahnstrecke zwischen Braunschweig und Magdeburg besaß entsprechende Kontrollstellen in Helmstedt und Marienborn. Heute ist kaum noch vorstellbar, welche Bedeutung dieser Ort einmal hatte.



Nun befinde ich mich wieder im alten Westen, in Niedersachsen, im pittoresken Königslutter. Am höchsten Punkt des Ortes steht der Kaiserdom, den der römisch-deutsche König Lothar III. im 12. Jahrhundert errichten ließ. Der Bau strahlt noch immer jene große Würde aus, die mit seiner ursprünglichen Funktion verbunden war. Der Dom gehört zu den wichtigsten Kulturdenkmälern der Romanik in Deutschland und war das erste Großgewölbe nördlich des Harzes. Seine Architektur verrät die enge Verbindung zu oberitalienischen Kirchenbauten, etwa in Modena, Verona und Piacenza. In seiner Bedeutung steht er in der Reihe der großen Kaiserdome und wird nicht ohne Grund mit dem salischen Dom zu Speyer verglichen.

Weiter geht es Richtung Braunschweig, eine Stadt, die ich zuletzt vor 20 Jahren besuchte und die inzwischen auch markante Hochhäuser am Rande der Innenstadt aufweist. Ich umfahre sie; 



mein Hauptaugenmerk gilt der mir unbekannten Stadt Hildesheim, in der meine Tochter ihren Master anstrebt. Ein schönes Fachwerkensemble und ein Domareal, wohltuend geschützt vor dem Lärm der Zeit.



In Hameln überquere ich die Weser an einer gewaltigen Staustufe. An Wasser scheint es ihr jedenfalls nicht zu mangeln. 



In der Stadt sind an den Kreuzungen die possierlichen Nager ausgestellt, die der Rattenfänger so trefflich in die Weser lockte.



Dann kämpfe ich mich durchs Weserbergland. Ich bin immer wieder beglückt, wie schön diese sanften, aber langen Anstiege durch grüne Wälder sind – und wie ebenso schön die Abfahrten. Ich streife die Mittelgebirgszüge des Lipper Berglandes und des Teutoburger Waldes nur am Rande und fahre über ruhige Nebenstraßen schließlich von Lemgo nach Bielefeld.



Die Seidensticker-Stadt. Vor Jugendlichen scheint es rund um den Bahnhof nur so zu wimmeln, ein riesiger Auslauf von Menschen.



Ich erreiche den Bahnhof 24 Minuten vor Abfahrt meines Zuges. Der Zug kommt pünktlich, aber nur in der halben Ausstattung. Umso länger bummle ich mit gehöriger Verspätung nach Köln und erreiche dort einen späten Zug nach Hause – um 3 Uhr morgens.

Am Sonntag habe ich den Lückenschluss vollendet.



Bonn – Nordkap: durchgehend.





Freitag, 11. September 2026

Businesstrips 4.0

 


Zu den schönen Seiten des Unterwegsseins gehört es, mit ein wenig Überlegung die starren Abläufe einer Geschäftsreise zu durchbrechen und sich kleine Freiheiten zu schaffen.

Mit der BahnCard lässt sich im ICE auch ein Fahrradplatz reservieren. Die Idee, an einem passenden Wochenende die Rückreise von Berlin mit dem Rad anzutreten, hat mich deshalb schon lange gereizt. Da die Zahl meiner Dienstreisen in den kommenden zwei Jahren überschaubar sein wird, muss man solche Gelegenheiten nutzen. Wenn dann auch noch das Wetter mitspielt, passt alles.

An diesem Wochenende scheint genau das der Fall zu sein. Berlin-typische Ernährung inklusive. Etwas knapp ist es im Hotelzimmer schon.

Wie schön, wenn eine Geschäftsreise plötzlich einen Nebenweg bekommt, UN-Weltkuturerbe-Ernährung inklusive.



Sonntag, 30. August 2026

Altes neu entdecken



In vertrauten Museen hängen die Bilder meist dort, wo man sie erwartet. Umso spannender, wenn plötzlich alles anders ist: Räume neu geordnet, Werke neu zusammengestellt – und ein bekanntes Haus wirkt mit einem Mal ganz neu.

Dazu eine Kunstinstallation, die perfekt mit den Bildern spielt: Sitzkissen als Teil der Ausstellung. Natürlich ebenfalls vom Künstler gestaltet.

So wird aus dem vertrauten Museumsbesuch eine Wiederentdeckung. Gut, dass das Wetter mitspielt, es regnet.

Donnerstag, 27. August 2026

Erster Schultag



Erste Schultage sind große Ereignisse. Das waren sie sicher auch früher. Heute aber scheint das Interesse daran noch einmal deutlich größer zu sein.

Die Schulen müssen schon einmal abgetrennte Bereiche einrichten und Kinder und Angehörige voneinander trennen. Die Eltern dürfen ihren Sprösslingen dann von außen zuschauen.

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Und irgendwann wird auch der Schultag ganz selbstverständlich zum Alltag gehören.

Montag, 24. August 2026

Erste Hilfe



Die Straßenkunst zeigt manchmal wundervolle Ideen. An der Fährgasse in Bonn ist ein Mädchen, vertieft mit einer Hand zu sehen – und daneben ein Erstehilfekoffer. Ein wunderschönes Idyll.


Freitag, 21. August 2026

Endlich 45!



Wieder spürte ich dieses stille Glück an diesem Augustmorgen, an dem ich auf meinem Rad sitzend seinen 45. Geburtstag feierte.

Für ein Fahrrad bedeutet das mehr, als nur in den besten Jahren zu sein. Und dieser treue Begleiter, den ich einst von meinem Taschengeld gekauft habe, tut noch immer zuverlässig seinen Dienst.

Herrlich.


Sonntag, 16. August 2026

Dürre im Rheintal




Dürre im Rheintal. Auf der Reise durch die Wüste – die Schifffahrt ist bei Kaub unterbrochen, weil der Tiefgang für viele Lastschiffe nicht mehr ausreicht. Ein deutliches Zeichen für die Folgen des Klimawandels.

Noch vor fünf Jahren wurde das Ahrtal und die benachbarten Regionen von einer verheerenden Flut heimgesucht. Die Extreme liegen also dicht beieinander: zu viel Wasser, zu wenig Wasser.

Immerhin fährt der Zug – und bietet einzigartige Ausblicke auf die Landschaft.

Sonntag, 9. August 2026

Im Labyrinth der EU-Außengrenze oder Einmal im Karussell um die Nordsee



Nach letzter kleiner Nacht breche ich früh auf nach Dover. Ich bin der erste Fahrradfahrer und bekomme eine separate Wartelinie. Ich hab noch Zeit, mir im Café ein heißes Getränk und Gebäck zu holen. Ein herrlicher Sommermorgen. Ich werde als Erster aufs Schiff geleitet, welcher Luxus. Die riesige Fähre fast für mich. 



Ich hab einen Fensterplatz. Wir können den Nebel über der See sehen, frühstücke zu Ende, ruhe noch ein wenig. 



Am anderen Ufer empfängt mich die EU-Außengrenze, ein Geflecht, ein Labyrinth von Sicherheitsanlagen. Schließlich werde ich durch eine Schleuse nach draußen eskortiert. Am Sicherheitszaun überhole ich mein Fahrrad, creme mich ein, hinein geht’s in den Sommer.


Über allen Orten liegt sommerliche Ruhe. Die Küstenlinie zum Teil industriell genutzt, ich umfahre weiträumig, in Dünkirchen ebenfalls ein Sommermarkt, ach dieser Brennpunkt der Geschichte. Danach geht es auf einer alten Bahntrasse in nordwestliche Richtung die Küste entlang. In schneller Fahrt, der Wind unterstützt. 


Dann wechsle ich ins Landesinnere und gelange entlang eines Kanals Richtung Norden, bis ich den Kanal erreiche, der Brügge mit der See verbindet. 


Beschattet siebzehn Kilometer herrlicher Asphalt, hinein in die Stadt.


Sie explodiert von Menschen, doch es ist wenig Zeit. Ich war so schnell unterwegs, dass ich einen Zug eine Stunde früher erwische. Ein Abteil, ein ganzer Waggon für Fahrradfahrer reserviert. Ich sinke ins Fauteuil. 
ddd

Mild erschöpft, glücklich. 



Was für eine schöne Kreisfahrt.