Sonntag, 9. August 2026

Sea to Sea – London oder Kent kennt keine Schönheitsgrenzen



Nach einem guten Frühstück auf der Fähre und einem tiefen Schlaf in der Innenkabine mache ich mein Fahrrad für die Tour nach London und anschließend wieder zurück zur Küste bereit. Kette checken – und dann geht es los.

Ich brauche tatsächlich drei Kreisverkehre, um mich einigermaßen an den Linksverkehr zu gewöhnen. Dann geht es auf die blaue Fahrradroute, und ich bin gespannt, wie zuverlässig das britische System funktioniert. Nun ja: Hier und da ein Schild, dazu muntere Fahrbahnwechsel von Asphalt über Champagner-Gravel bis hin zu Waldpfaden. 

Nicht gerade ermutigend, auf diesen Wegen bis nach London zu fahren.

Also stelle ich die Route ein wenig um und werde den touristischen Auftakt eher indirekt angehen.


Etwa 40 Kilometer vor London beginnt dann der städtische Teil. Zunächst fahre ich noch durch kleine Dörfer, die allmählich zu kleinen Städtchen mit langen Einkaufsstraßen werden. Viel Getriebe, unzählige Baustellen, schlecht ausgeschilderte Umleitungen – und ich stottere mich langsam ins Zentrum hinein.

Dort dann eindrucksvolle Architektur an jeder Ecke: alt und ganz neu, oft unmittelbar nebeneinander. 


Ich gerate in eine Fahrraddemonstration zur Befreiung Palästinas und komme so, von Sicherheitskräften geschützt, im Konvoi in die Stadt hinein.


Irgendwann biege ich zur Themse ab, finde wieder auf meine Route, mache einen kurzen Stopp und fahre weiter zur Millennium Bridge, dieser modernen Fußgängerbrücke, die von der City zur Tate Modern führt. 


Ich bleibe einen Moment stehen und lasse das alles auf mich wirken.

Großartig.

Und das Ganze an einem sommerlich warmen Tag, wie ich ihn in England bislang noch nie erlebt habe.



Dann Aufbruch Richtung Küste. Auch hier zunächst ein schöner Weg durch die Stadt. Natürlich kreuzen sich immer wieder die Stadtradler auf ihren fein geputzten Maschinen. Ampelrennen – auch so komme ich erstaunlich schnell durch die Stadt.



Und überall, gerade in Greenwich, sitzen die Menschen in Bars und Cafés. Das Leben spielt sich draußen ab, die Stimmung ist entspannt und sommerlich.

Dann beginnt wieder der anstrengendere Teil durch die umliegenden Städte: schnurgerade von Ampel zu Ampel, dafür in flotter Fahrt. Überall haben die Kioske noch geöffnet, und ich versorge mich regelmäßig mit dem Nötigsten.


In Gillingham biege ich schließlich auf einen Pilgerweg durch die grüne Landschaft von Kent ab. Und das ist traumhaft.

An jedem Ort taucht ein kleines Inn auf. Gesang dringt aus den Türen, die Theken sind gut gefüllt, warmes Licht fällt nach draußen, und über allem hängt ein windschwingendes Schild mit einem fantasievollen Namen. Genau so hatte ich mir England vorgestellt.

Ich genieße es, auf kleinen, gut asphaltierten Wirtschaftswegen zu fahren. Es geht ständig hoch und runter, aber die Landschaft entschädigt für jede Steigung.

Es ist bereits spät, als ich Charing erreiche und anschließend auf dem Radweg entlang der großen Straßen stetig meinem Ziel entgegenfahre.

Vor der Kanalküste geht es noch einmal ordentlich in die Höhe. Dann folgen einige sanfte Serpentinen, und schließlich komme ich in einen kleinen Küstenort.

Es riecht nach Meer.

Das Wasser schwappt gegen den Strand. Irgendwo sind noch nächtliche Fischer unterwegs, an anderer Stelle sitzen Gruppen am Lagerfeuer. Ein wunderbarer Abschluss dieser langen Fahrt.

Von dort geht es weiter bis nach Folkestone. Und dann noch einmal richtig hoch, etwa auf halbe Höhe, zu meinem Quartier.



Der Schlüssel liegt unter der Matte. Alles ist so, wie wir es vorhin im Telefonat geklärt hatten. Mein Zimmer ist bereits erleuchtet.

Ich bringe alle Geräte an den Stecker, dusche mich – und schlafe ein.



Freitag, 7. August 2026

America, Californië, Hauptsache England

Bonn – Hoek van Holland 304 km


Früh um vier breche ich in Bonn auf, um in Hoek van Holland die Fähre nach England zu bekommen. Es geht auf meiner Pendelstrecke nach Köln, dann nach Nordwesten. Ich passiere ein paar Kraftwerke. Dann kommt niederrheinische Backsteinoptik, und nach Mönchengladbach betrete ich das Ländliche. Die Grenze zu den Niederlanden läuft fließend, doch auf einmal ändert sich die Beschilderung.

Die Landschaft ist nicht sonderlich schön, aber perfekt fahrbar. Es ist kein heißer Sommertag, sondern immer wieder Böen aus unterschiedlichen Richtungen, manchmal ganz günstig für die Fahrt. Und irgendwann entfaltet sich die Landschaft niederländisch gelassen.

Ich komme nach Amerika, einen Ort, den ich schon einmal beim Ultrarennen in der Nacht durchfahren hatte und der mir damals wie eine Verheißung vorkam. Ganz nett hier, dann s‘ Hertogebosch, es entzückt mich, die wunderbar giebelige Stadt mit einer wunderschönen Basilika. 

Ich sehe ein Brautpaar auf dem Weg zur Hochzeit. Wenig später ein Supermarktstopp bei Aldi, und in dem Moment ruft der Hamburger Sohn an – wie passend und schön, während ich Joghurt und Smoothie zu mir nehme.




Ich bin kurz vor Rotterdam. Die Stadt erkenne ich nicht wieder: Wolkenkratzer, Modernität, schön anzusehen. Perfekte Wegführung für Radfahrer, nicht nur durch die Stadt, auch durch den Hafen. Und dann, wie erhebend, der Rhein – breiter werdend, in die Nordsee auslaufend. Windräder, Kräne, große Containerschiffe.


Ich erreiche Hoek van Holland, die Ablegestation für die großen Fähren nach England. In die Schlange gesellen sich weitere Fahrradfahrer. Wir werden eingecheckt, durchlaufen die Passkontrolle und erreichen das Schiff. In der Kabine eine Dusche, warmes Wasser, ein zweites Bett – vielleicht wird es ja nicht belegt.


Auf dem Sonnendeck ein herrlicher Sonnenuntergang an einem wunderschönen Sommertag. Ein Getränk in der Hand und englische Chips – besser hätte es nicht sein können.




Sonntag, 28. Juni 2026

Über zweites und erstes Frühstück


Dienstreisen heutzutage bieten einige Chancen, auch für rein private Zwecke genutzt zu werden. Die Mitnahme von Fahrrädern im Intercity Express muss wegen der Reservierungspflicht zwar vorbereitet werden, fällt aber betragsmäßig nicht sonderlich ins Gewicht, wenn für die Fahrten zum Reiseziel und zurück eine Reservierung abgeschlossen werden konnte. Stellt sich immer noch die Frage, wie man der Kleiderordnung genügt und diese Kleidung an den Zielort kommt. 

Hier gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, Taschen Kleidung zu verstauen. Seit Corona haben sich die Kleidungsvorschriften insofern gelockert, als zumindest Anzug, Hemd und Krawatte nicht unbedingt obligatorisch sind. Ein gutes Business Outfit umgekehrt lässt sich ganz gut in sogenannten Bikepacking-Taschen unterbringen. So machte ich mich diesmal auf den Weg nach Oberbayern, verließ den Zug ins bayerische Voralpenland einige Stationen früher, um auf einer ersten kleinen Tour an einem schönen bayerischen See mein Ziel zu erreichen. Unterwegs besorgte ich mir mein zweites Frühstück, zwei Brezeln, die ich gut an meine Lenkerhörner hängen konnte und mit Genuss verspeiste. Vor Ort war schnell in das Business Outfit gewechselt. Die Kapazität der Tasche war ausreichend, um Schuhe, Hosen, Hemden und etwas zum Drüberziehen für kältere Momente unterzubringen. Am nächsten Morgen konnte ich eine kleine Tour durch die nähere Umgebung machen und wählte hierfür ein etwas flacheres Profil, um nicht erschöpft in den zweiten Business-Termin-Tag zu starten.
Auch an diesem Morgen suchte ich früh eine Bäckerei auf und versorgte mich in bewährter Form mit Brezeln. Für die Rückfahrt blieb ausreichend Zeit, um den Rückweg vom Alpenrand bis nach München auf bewährten Fernradwegen zu planen, kleiner Stopp bei meiner Stammbäckerei inklusive. 


Wunderbare Urlaubsmomente inmitten eines ausgefüllten Zwei-Tage-Programms.

Freitag, 26. Juni 2026

Zweites Frühstück am Schliersee.



Manchmal muss man die Gelegenheit nutzen und zumindest einen Teil der Dienstreise mit dem Rad zurücklegen, wenn die Landschaft einfach zu schön ist, um sie nur aus dem Zugfenster zu betrachten. Also raus aus dem Nahverkehr, über Miesbach weiter zum Schliersee und anschließend nach Fischbachau. Das zweite Frühstück gibt es am Lenker – mit Blick auf die Berge und den See.

Besser geht’s nicht.



Dienstag, 23. Juni 2026

Steppenwolf Transterra 2004



Fahrräder sind komplex geworden. Wer sich heute ein neues Fahrrad kauft und es selbst warten oder reparieren möchte, benötigt bereits ein gewisses Maß an Erfahrung. Zeiten, in denen Bremsen und Schaltzüge offen verlegt waren und sich die Bremsbeläge mit einer einfachen Schraube wechseln ließen, gehören der Vergangenheit an.

Als unsere Haushaltshilfe ihr neues E-Bike kürzlich an einen Dieb verlor, erkundigten wir uns über den Dorffunk, ob jemand ein altes, noch instandzusetzendes Fahrrad kostenlos abzugeben habe. Es war schnell gefunden. In einer Garage stand ein Damenrad alter Schule und doch besonderes Modell mit ausgezeichneten klassischen Komponenten. 

Welch eine Freude, es wieder in einen verkehrstüchtigen Zustand zu bringen und zumindest die Beleuchtung auf LED-Standard zu modernisieren.

Alles ließ sich mit dem Werkzeug instand setzen, und so entstand wieder ein schönes Fahrrad, dessen Attraktivität für Fahrraddiebe hoffentlich nicht allzu hoch ist.

Mein ganzer Stolz: das Steppenwolf Transterra in Gelb, Baujahr 2004, wiederhergestellt.


Dienstag, 16. Juni 2026

Kulinarik auf der Tour oder die Entdeckung des Kapsalon


Die Kulinarik auf der Tour, die Versorgung unterwegs, ist ein Zufallsprodukt. Rückgrat bilden die Supermärkte, deren Auswahl in den unterschiedlichen Ländern bald vertraut ist und die die gezielte Versorgung unterwegs zuverlässig sicherstellen. 
Abends essen zu gehen, ist nicht immer eine Option und bisweilen sogar unerquicklich. Reservierungen gehörten eher zur Folklore. 

Zu den Höhepunkten zählt der Einkauf regionaler Produkte, die dann – idealerweise in einer Privatunterkunft – auch stilvoll eingenommen werden können, so wie in unserer großbürgerlichen Villa in Neufchâteau. Ausgewählte Weine, Oliven, Käse.
Es kann aber ebenso gut ein Baguette mit frischen Rillettes sein oder ein tiefer Schluck Skyr. So oder so: ein großes Spektrum der Genüsse. 
Typisch für unsere Tage: morgens zwei Schoko-Croissants, oft noch im Halbschlaf und mit großer Zuversicht. Unterwegs Müsliriegel, verpackte belgische Waffeln, geschmierte Brote oder die durchgeweichte Pizza vom Vortag, aber appetitlich verpackt. 

Auf dem Campingplatz dann auch einmal Fish&Chips oder ein Kapsalon – nicht schön, aber wirkungsvoll. 

Die verlässliche Versorgung aus dem Supermarkt: 

Trinkjoghurt, Bananen, Plätzchen. 

Abends zuweilenein Restaurantbesuch. In Rethel wurde selbst gekocht: Spaghetti mit Tomatensoße und Thunfisch. In Stavelot, Rethel und Fourmies waren wir stilvoll essen.

Pommes und 0%-Bier waren das Schweizermesser der Energiezufuhr in Belgien.

Zum Wohl!


Der Kapsalon verdient dabei eine eigene Erwähnung und Warnung: ein erstaunlich populäres Trendgericht aus den Niederlanden – eine Schichtung aus Pommes frites, Dönerfleisch (meist Kalb oder Hähnchen), darüber geschmolzener Gouda, anschließend Salat, Knoblauchsoße und scharfe Soße, serviert in der Aluschale, kalorisch jenseits jeder Vernunft, auf einer langen Etappe geht auch das. Die Skepsis isst mit!

Seinen Ursprung hat der Kapsalon in Rotterdam: Dort soll ihn um 2003 ein Friseur (niederländisch „Kapsalon“) in seinem Stamm-Imbiss bestellt haben.


Darauf erst einmal einen Trinkjogurth!

Montag, 15. Juni 2026

Bilanz Tour de Champagne: 745 Kilometer, 42 Stunden



Die Zahlen sagen wenig über den Erlebniswert, aber viel über die Leistung von Mensch und Maschine. Hier das Rad der Touristin. 

Viel Freude, viele Kilometer, viele Höhenmeter, keine Defekte…

EtappeDatumkmHMZeit
Anfahrt/Allein im Zug05.06.202616,3640:46:03
Prolog05.06.20265,9400:20:46
Einrollen Vennquerbahn06.06.202660,02933:06:35
Ardennen in Cinemascope07.06.202682,611015:14:55
Maasarbeit/Eisenbahn gen Westen08.06.202684,05404:40:16
Tanze Sambre mit mir09.06.202662,35603:44:24
Landschaftskino10.06.202681,510654:46:25
KANALles so bleiben11.06.202679,92163:57:04
Ardennen zeigen Krallen12.06.202671,17764:14:04
Was Wiltz du mehr13.06.202672,05934:19:22
Höchster Punkt Luxemburgs14.06.202681,78424:45:37
Wasserbüffelsafari15.06.202634,1891:26:23
Zurück15.06.202613,8460:38:30
Summe 745,2622542:00:24



Wasserbüffelsafari – Bütgenbach-Jünkerath-Ippendorf



Am Morgen erwachen wir ausgeruht in unserem Olympischen Dorf auf. Es ist nicht mehr viel Strecke bis zum Bahnhof nach Jünkerath. Und nachdem alles gepackt und die Fahrräder vorbereitet sind, gehen wir in das Restaurant und frühstücken. Ein schönes Buffet, wenig Gäste ansonsten, dafür die große Schar der Hausmeister und Greenkeeper dieser großartigen Anlage und ein munterer Mix aus Flämisch, Eifeler Platt und Französisch. Es ist nun wirklich kalt, und wir ziehen uns warm an und sind im Nu auf der Vennquerbahn. Wie dankbar bin ich, dass bis hierhin alles gut geklappt hat und wir pannenfrei unterwegs sind. 

Der Weg, eine gemähte Wiese.


Bald tauchen die weiten Räume der Eifel auf, links die Wasserbüffelherde, die man dort angesiedelt hat und in deren Kot sich zwanzigtausend Organismen heimisch fühlen, wie ich am Nachmittag zufällig im Radio höre. 

Großartige Safari ist das hier wieder, am Berg oben bald Kronenburg zu sehen. 

Wir erreichen die deutsche Grenze. Letzter Länderpunkt. 

Die Sonne blinzelt auch ein bisschen aus dem Himmel, und schließlich rollen wir nach Jünkerath, Anfangs- und Endpunkt unserer Reise. Erinnerungsfoto am Roheisenkesselwagen, passenderweise Baujahr 1966.


Dass dieser Bahnhof eine so reiche Vergangenheit und eine so immense strategische Bedeutung in den Kriegsüberlegungen des Deutschen Reichs und des Dritten Reichs hatte, sieht man dem Bahnhof leider ein wenig an. 

Schön, dass die stillgelegte Infrastruktur für friedliche Zwecke wie unsere Tour und zur Naherholung genutzt werden kann. Und noch immer fährt hier die Bahn zwischen Köln und Trier, für die die Strecke eben auch vor über hundertfünfzig Jahren gebaut worden ist.


Wir besteigen die Regionalbahn, die uns über Euskirchen bis zum Industriepark in Meckenheim bringt. Nun sind es noch dreizehn Kilometer durch vertrautes Terrain, und glücklich erreichen wir unser Ippendorf.

Wie schön, diese Tour gemeinsam unternommen zu haben, unterwegs dem Rhythmus des Moments gefolgt zu sein und Zeit und Muße gehabt zu haben, jederzeit innezuhalten. Es war schön, behütet gewesen zu sein und unterschiedliche Landschaften, Menschen und Sprachen so zwanglos zu erleben.

Fast am Ziel. Da ist schon Wickie, so vertraut. Dann daheim. 

Erkenntnis des Tages: Das Schöne liegt so nah und auch vor der Haustür.