Samstag, 13. Juni 2026

Was Wiltz du mehr? Neufchateau - Enscherange



Am Morgen scheint es, als käme mehr Licht durch die Vorhänge. Tatsächlich erspähe ich Sonne und blauen Himmel. Wir bleiben verhalten, denn schon gestern sind wir mit anderen Erwartungen in den Tag gestartet.

Zuerst gehen wir in den großen Speisesaal, einen Wintergarten in dem fast 150 Jahre alten Haus. Der Hausherr empfängt uns formvollendet. Das Frühstück: Bio-Orangensaft, Bio-Joghurt, Konfitüre, Brot und zwei Croissants. Auf der alten Anrichte steht eine Top-of-the-line-Jura-Kaffeemaschine. Ein kurzes Gespräch über die Geschichte des Hauses, ein netter Austausch. Ein Investmentbanker, der mit seiner Frau von Antwerpen hier in den freundlichen Süden Belgiens gezogen ist – wegen der Freundlichkeit der Menschen, der vielen Natur und weil er im Homeoffice drei Tage bequem von hier arbeiten kann. Nach Luxemburg sind es mit dem Auto 45 Minuten. Später sehen wir die Autobahn. In der Tat: Man kann sich vorstellen, auf ihr zu fahren – für unsere Verhältnisse unvorstellbar.


Wir lassen es langsam angehen. Nach herzlicher Verabschiedung fahren wir aus Neufchâteau heraus. Bald geht es über schottrige Pfade bergan, hoch und runter, über landwirtschaftliche Wege, bis wir eine alte stillgelegte Bahnlinie erreichen. Die einstige Brücke ist modernisiert, in einem wunderschönen Dorf. Die Fahrt verheißt nur Gutes. Von hier sind es noch 22 Kilometer bis Bastogne. Auf diesem Asphalt ein Kinderspiel.


Noch ehe wir es aussprechen, endet er. Nun führt eine 18 Kilometer lange, sehr schottrige Piste Richtung Zwischenziel, die wir mit maximal 15 Stundenkilometern bewältigen. Durchgeschüttelt kommen wir am stillgelegten Südbahnhof von Bastogne an. Zuerst fahren wir in die Innenstadt und lassen uns im Schatten eines Erinnerungspanzers der amerikanischen Armee nieder, die sich im Dezember 1944 erfolgreich gegen die deutsche Wehrmacht verteidigte. 



Kühle Getränke, Kaffee – und dann in die nahe Boulangerie, die von nahezu allen Bewohnern Bastognes, inklusive der Gastronomie, aufgesucht wird. Hinten die Backstube, vorne die Herrlichkeit belgischer Backkunst.

Wir stärken uns für die nächsten 22 Kilometer auf der Bahntrasse, diesmal ordentlich asphaltiert – eine einzige Schussfahrt von Bastogne hinab nach Wiltz. Der Ort selbst: eine Großbaustelle. Mitten in der schönen Stadt entsteht durch Teilkanalisation des Flusses ein neuer, moderner Stadtteil. In Luxemburg wird nichts dem Zufall überlassen. Alles sieht gut aus, selbst die Baustellen.


Am Ortsausgang ein kleiner, unscheinbarer, perfekter Supermarkt. Es liegen noch einige Höhenmeter vor uns, und zwei Proteinjoghurts sind der Mindesttreibstoff. Zunächst geht es schlängelnd entlang der Wiltz. Nicht unten am Wasser, sondern auf dem Hochufer – also auf und ab. Giftige Anstiege, schöne Abfahrten, wieder giftige Anstiege, wieder schöne Abfahrten. Eine Herausforderung für Material, Technik und Schaltvermögen – und dennoch abwechslungsreich, einzigartig.


Ein Auengebiet queren wir über eine aufwendige Holzbrücke. Mitten in der Natur – kaum zu glauben. Dann verlassen wir das Wiltztal und fahren über eine kleine Passstraße hinauf ins Tal der Clerf. Ein sehr schönes Stück Straße, fast wie aus dem Bilderbuch. Man mag sich kaum vorstellen, für solche Touren bis in die Alpen fahren zu müssen.


Dann zweigt der Weg sogar von dieser schönen Straße ab und mündet in einen Wirtschaftsweg, der nicht minder aufregend auf und ab entlang der Clerve führt – durch schönste Orte, einer sogar mit einer kleinen Wasserfurt. Ist es zu fassen? Auch hier bleiben uns knackige Anstiege nicht erspart. Doch im Wissen, dass es nur noch acht Kilometer sind, erreichen wir schließlich Enscherange.


Dort haben wir ein Tiny House auf einem Campingplatz gebucht. Was heißt Campingplatz? So etwas habe ich selten gesehen: ein schönes Ensemble sogenannter Tiny Houses und noch kleinerer fester Unterkünfte. Alles wie ein Dorf – und fest in niederländischer Hand.




Zurück zum Wetter. Nach dem unsichtbaren Regen von gestern hatten wir das Vertrauen in alle Wetter-Apps verloren. Nun überfällt uns der Sommer. Hinterrücks. An einer Stelle wechseln wir sogar ins Sommertrikot. Und welcher Tag hätte besser gepasst für ein Tiny House auf einem Campingplatz als dieser – der Tag der Wiedereröffnung des Sommers?



Also: Beine baumeln lassen nach dieser anspruchsvollen Etappe, auf der Veranda sitzen, Kaffee trinken.


Erkenntnis des Tages: Holländer können campen.




Freitag, 12. Juni 2026

Die Ardennen zeigen ihre Krallen und ihr grünes Herz – Sedan–Neufchâteau.

Am Morgen wachen wir auf in der Erwartung, zum ersten Mal ohne Niederschlagswarnung fahren zu können. Der Blick durch die Vorhänge zeigt regenfeuchtes Kopfsteinpflaster. Na ja, das war vielleicht nur in der Nacht.


Als wir uns von unserer Wirtin verabschiedet haben, suchen wir die Bar am Platz auf. Hier gibt es wirklich nur Kaffee, aber der Barista hat keine Einwände, dass wir ein Croissant aus der nahegelegenen Boulangerie verzehren. Inzwischen nieselt es – eigentlich schon etwas mehr als Niesel –, also noch ein zweiter Kaffee. Es soll ja heute überhaupt gar nicht regnen.


Dann machen wir uns auf den Weg, fahren zurück zur Maas und folgen lange dem schönen Uferweg. Feuchtigkeit liegt in der Luft. Noch einmal schauen wir auf das aktuelle Radarbild: Es zeigt Bewölkung, aber nicht, ob sie bis zum Boden reicht. So geht es weiter.



Nun verlassen wir den schönen Fluss und klettern zurück in die Ardennen – zunächst sanft, dann steiler. Der Tacho zeigt rot, 10 %, an, bis wir die Kuppe erreichen. Dort ein schöner Rastplatz, der im Regendunst nicht allzu weit blicken lässt. Dann wieder hinab zur nächsten Steigung. So geht es auf und ab, mal durch Wälder, mal durch Wiesen.


Nach 21 km ein Supermarkt, der größte der Region. Wir gehen einkaufen, das, was für die nächsten 20 km gebraucht wird. Ich warte die Fahrräder: Nachwachsen der Kette. Saubermachen.


Dann überwinden wir die nächsten Höhenmeter wieder auf einer Eisenbahntrasse. So ganz klar kann man das vorher auf der Karte nicht sehen. Aber nun folgen wir einem langen Band, das sich sanft nach oben bewegt. Wir sind in tiefen Wäldern ohne Ausblicke, aber auch ein wenig beschützt.


Dann endet auch diese Trasse, mündet aber in einen weiteren grünen Weg auf schottrigem Asphalt, garniert mit kleinen, scharfen zehnprozentigen Anstiegen. Anschließend eine lange Abfahrt und dann eine verwunschene, ehemalige Bahntrasse, fast zugewachsen. Aber immerhin mit einem – wohl aus vielen EU-Geldern wiederhergestellten – Viadukt, das ein tiefes Tal überquert.


Wir erreichen nun einen bedeutenden Wanderort: Herbeumont. Viele Restaurants buhlen um Kundschaft. Wir entscheiden uns für das in der Mitte gelegene Restaurant. Solide Mittagspause, noch ein wärmender Kaffee – und auf einmal Sonne im Wintergarten. Ein kleiner Höhepunkt.



Wir machen uns zum Zahlen bereit – und wieder diese unendliche Feuchte. Nun geht eine weitere Himmelsleiter durch den Wald hinauf, und mitten in der wohl längsten 10 %-Steigung schüttet es nur so herunter. Thea denkt: Dann ist es wenigstens nicht zu heiß. Ich quäle meinen Ackergaul mit Kleiderschrank über den Berg.



Und dann die große Überraschung: eine Landschaft wie die Hochrhön – und Wetterwechsel. Die Straßen sind trocken. Wir haben tatsächlich eine Art Wetterscheide erreicht, jedenfalls für den Augenblick.


Nun geht es flott weiter bis kurz vor unseren Zielort Neufchâteau. Ein deutsch-französischer Soldatenfriedhof aus dem Ersten Weltkrieg lässt uns innehalten. Vereint sind hier deutsche und französische Soldaten beigesetzt. Ein Erinnerungsbuch am Portal zeugt vom regen Besuch. An einem Tag im August 1914 starben hier Tausende von Soldaten auf beiden Seiten.



Am Zielort beziehen wir Quartier in einer alten Villa. Alles scheint im Innern 100 Jahre und älter zu sein. Äußerlich hätte man diesen Glanz dem Haus gar nicht angesehen. Was für ein schöner Ort, um wieder warm und trocken zu werden.


Dann Supermarkt: Wir kaufen uns ein paar Köstlichkeiten der Region und freuen uns auf unser Abendessen in der Küche mit parkähnlichem Ausblick.


Erkenntnis des Tages: Hinter spitzen Krallen verbirgt sich ein gütiges Herz.



Donnerstag, 11. Juni 2026

KANal-les so schön sein? – Rethel - Sedan


So schön das Foto ist, es zeigt den untypischsten Teil unserer Strecke abseits des Canal des Ardennes. Der Weg führt hier kurzfristig durch die Felder und passiert einen kleinen Pilgerort.

Übernachtet haben wir in einem windschiefen Haus in einer der ältesten Straßen von Rethel. Am Morgen gehen wir zum Bäcker aus der Backstube. Es duftet nach Gebäck, und in den Auslagen liegt die ganze Herrlichkeit der französischen Backkunst für den Nachmittag. Dazu ein Café au lait und ein Café noir, und wir sitzen im Verkaufsraum. Guter Start.

Die Sonne scheint aus einem bewegten Himmel. Aus dem Stadtverkehr fädeln wir uns ein in den Canal des Ardennes. Diesem und seinen Anschlusskanälen folgen wir nun über achtzig Kilometer bis nach Sedan.

Die Herrlichkeit des Lebens. Pappeln zu Beginn, Schleusen, die dann in schneller Folge den Aufstieg bis zum Scheitelpunkt ermöglichen, wo der Kanal aus einem nahen See gespeist wird. Teilweise alle fünfhundert Meter ein kleines Schleusenhäuschen – natürlich sind sie nicht alle besetzt, sondern werden von mobilen Schleusenwärtern bedient. 

Tatsächlich können wir diesem Schauspiel zweimal folgen: viel Handarbeit, viel Warten, bis das Becken gefüllt und das Boot auf die nächste Ebene angehoben und transportiert ist.

Der Weg selbst, säuberlich für beide Fahrtrichtungen markiert, besteht aus bestem Belag, weit und breit. Keine Menschenseele, ein paar Fischreiher, ein paar Katzen, die durchs Dickicht streifen. Vögel, und an manchen Hochufern ein kleiner Dorfflecken. Alle zwanzig Kilometer eine größere Ortschaft, wiederum mit Bäckerei, die mit durchaus reizvollen Plätzen zum Verweilen einlädt.


Wir gleiten dahin, ohne Anstrengung, sogar angeschoben von dem weiterhin zuverlässig blasenden Südwestwind. Es ist eine wahre Freude.


Dann schließlich wird der Kanal sogar durch einen Tunnel geführt – was für ein Schauspiel. Wir nähern uns Sedan, was man an den ersten Graffitis an den ansonsten so gut gepflegten Schleusenhäusern erkennt. Die Stadt selbst, die größte auf unserer ganzen Tour: Wir brauchen eine Weile, bis wir zum Zentrum kommen und dort unser Quartier beziehen – in einer Seitengasse zum Château-Fort.

Am Morgen hatte ich den Verlust einer Schraube an meiner Satteltasche entdeckt. Ein Radladen hatte auch hierfür Ersatz. Ich hatte auf meiner Nordkap-Tour gelernt, dass kleinere Defekte nach Möglichkeit sofort behoben werden sollten. Schön, dass das so unkompliziert geklappt hat.

Die Unterkunft? Privat. Feierlich. 

Was für eine schöne Strecke.

Erkenntnis des Tages: Auf dem Rad kommt man schneller über den Berg als mit dem Boot.


Mittwoch, 10. Juni 2026

Landschaftskino oder Ackergaul trifft Weidekühe – Fourmier - Rethel


Am Morgen verlassen wir unser Hotel am Teich nach einem guten Frühstück und folgen zunächst einer schönen Strecke durch den Wald, teilweise auf alter Eisenbahntrasse bis Hirson. Es ist noch kühl und feucht, aber die Sonne blitzt schon sachte hindurch. Ein kurzer Halt, und dann Landschaftswechsel.


An diesem Tag verlassen wir den EuroVelo 3, der als eine Art Jakobsweg für Radfahrer bis nach Santiago führt. Eine kleine Hinweistafel im Wald weist darauf hin. In Hirson setzen wir den Weg anders fort und folgen einer Strecke auf Nebenstraßen, die kleinteilig individuell geplant, sich als sehr pittoresk entpuppt.


Wir sind nun in der Thiérache, die uns hügelig, grün, durchzogen von Hecken, kleinen Wäldern und Bächen empfängt. Je weiter wir nach Süden kommen, desto offener wird die Landschaft. Das dichte Grün weicht allmählich einem weitem Horizont. Die Wälder lichten sich. Und Getreidefelder in der Ferne kündigen den Übergang zur Champagne an. 



Es ist wunderbar, diese wechselnden Topographien zu genießen, auch wenn es bedeutet, dass wir mit den Rädern auf und ab fahren. Ist eben kein Wunschkonzert. Mal lassen wir uns an einer Kreuzung von einer Herde Kühe bestaunen. Mal setzen wir die Fahrt zwischen Weizenfeldern und Hecken fort. Manchmal ist es eine Fahrt durch die Ortschaften wie bei der Tour. 

Ich treibe meinen Ackergaul derweil über die Höhen. 

Der Blick öffnet sich weiter, ach diese Ahnung von Champagne. Es wird sanfter. Wie wunderbar! 

Der Wind weht sehr kräftig aus Südwest. Aber mit einigen Pausen am Wegrand gelangen wir dennoch schon am frühen Nachmittag nach Rethel.

Eine muntere Stadt mit stolzer Mairie,
Nicht größer als Ippendorf. 

Erkenntnis des Tages: Die französische Provinz verfügt über ausgezeichnete Straßen — und atemberaubende Ortsdurchfahrten.


Dienstag, 9. Juni 2026

Sekt oder Selters…?

…, dann lieber Joghurt. Herrlich, diese Unterwegs-Tankstellen. Und hinterher schön den Mund sauber machen

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Tanze Sambre mit mir, ein gestrandeter Wal und immer schneller als die Wetterfront – Thuin - Formies

Am Morgen verlassen wir die Oberstadt von Thuin und fahren hinunter in die Unterstadt. 


Direkt an der Sambre kehren wir in eine Boulangerie ein: vier Pains au chocolat. In einer zweiten holen wir zwei Kaffee. Wir frühstücken in der Morgensonne.



Dann beginnt ein Tanz entlang der Windungen des Flusses. Ein gut angelegter Uferweg führt uns durch stille, idyllische Landschaft nach Westen. Kein Schiffsverkehr. Dafür alte Schleusen, sorgfältig nummeriert, umgeben von ein paar Häusern. Alle acht Meter steht eine kräftige Schwarzpappel. Ein Bilderbuchweg.


In der Ferne die bewehrten Kirchen der Gegend, umgeben von Häusern aus grauem Stein. Kühe auf den Wiesen. Und hier endlich ein kleiner Lastkahn, der sich langsam vorarbeitet.


Zwanzig Kilometer Flussweg – wie im Paradies. Die Grenze zeigt sich schlicht: belgischer Asphalt weicht französischem Schotter. Wir kommen nach Jeumont, dem Grenzort, und verlassen ihn gleich wieder. Immerhin, ein Schild nach Paris. Es geht weiter nach Süden, in den Naturpark L’Entre-Sambre-et-Meuse.



Die Landschaft ist landwirtschaftlich geprägt. Weite Wiesen, darauf verstreut Baumgruppen. Es geht auf und ab. Hecken säumen den Weg und brechen den Südwestwind, der an diesem Tag kräftig weht. Eine Wiese lädt zur kurzen Rast ein. Unwillkürlich ragt in den Feldern ein französischer Bunker aus dem Grün – wie ein gestrandeter Walfisch, der traurig in die Landschaft blickt, ein Relikt der Kriege, die hier zwischen Deutschen, Franzosen und alliierten Truppen tobten.


Dann weiter nach Solre-le-Château. Auf dem Marktplatz kehren wir ein. Die Bar ist offen. Wir sitzen unter dem Kriegerdenkmal, frische französische Fahnen flattern. Menschen schlendern vorbei. Schaukeln, Kleiderstände, Obst aus der Region.



Eine Wetterfront rückt näher. Nieselregen mahnt zur Eile. Also weiter zum Ziel: Fourmies. Ein alter Industriort. Hier nahm die Arbeiterbewegung des 1. Mai ihren Lauf – nach dem Massaker von 1891, als Soldaten auf streikende Arbeiter schossen.



Wir fahren hinaus zu mehreren Teichen einer ehemaligen klösterlichen Fischzucht. Heute ein stilles Freizeitgebiet. Ein Restaurant am See hat gerade geöffnet. Ein Strandbad alter Schule gibt es auch. Wir kehren zum Essen ein und belohnen uns.


Das Hotel liegt gleich daneben. Einfacher geht es nicht.


Erkenntnis des Tages: Flüsse tanzen, wenn ihr Schwung und Glitzer stimmen.