Am Morgen scheint es, als käme mehr Licht durch die Vorhänge. Tatsächlich erspähe ich Sonne und blauen Himmel. Wir bleiben verhalten, denn schon gestern sind wir mit anderen Erwartungen in den Tag gestartet.
Zuerst gehen wir in den großen Speisesaal, einen Wintergarten in dem fast 150 Jahre alten Haus. Der Hausherr empfängt uns formvollendet. Das Frühstück: Bio-Orangensaft, Bio-Joghurt, Konfitüre, Brot und zwei Croissants. Auf der alten Anrichte steht eine Top-of-the-line-Jura-Kaffeemaschine. Ein kurzes Gespräch über die Geschichte des Hauses, ein netter Austausch. Ein Investmentbanker, der mit seiner Frau von Antwerpen hier in den freundlichen Süden Belgiens gezogen ist – wegen der Freundlichkeit der Menschen, der vielen Natur und weil er im Homeoffice drei Tage bequem von hier arbeiten kann. Nach Luxemburg sind es mit dem Auto 45 Minuten. Später sehen wir die Autobahn. In der Tat: Man kann sich vorstellen, auf ihr zu fahren – für unsere Verhältnisse unvorstellbar.
Wir lassen es langsam angehen. Nach herzlicher Verabschiedung fahren wir aus Neufchâteau heraus. Bald geht es über schottrige Pfade bergan, hoch und runter, über landwirtschaftliche Wege, bis wir eine alte stillgelegte Bahnlinie erreichen. Die einstige Brücke ist modernisiert, in einem wunderschönen Dorf. Die Fahrt verheißt nur Gutes. Von hier sind es noch 22 Kilometer bis Bastogne. Auf diesem Asphalt ein Kinderspiel.
Noch ehe wir es aussprechen, endet er. Nun führt eine 18 Kilometer lange, sehr schottrige Piste Richtung Zwischenziel, die wir mit maximal 15 Stundenkilometern bewältigen. Durchgeschüttelt kommen wir am stillgelegten Südbahnhof von Bastogne an. Zuerst fahren wir in die Innenstadt und lassen uns im Schatten eines Erinnerungspanzers der amerikanischen Armee nieder, die sich im Dezember 1944 erfolgreich gegen die deutsche Wehrmacht verteidigte.
Kühle Getränke, Kaffee – und dann in die nahe Boulangerie, die von nahezu allen Bewohnern Bastognes, inklusive der Gastronomie, aufgesucht wird. Hinten die Backstube, vorne die Herrlichkeit belgischer Backkunst.
Wir stärken uns für die nächsten 22 Kilometer auf der Bahntrasse, diesmal ordentlich asphaltiert – eine einzige Schussfahrt von Bastogne hinab nach Wiltz. Der Ort selbst: eine Großbaustelle. Mitten in der schönen Stadt entsteht durch Teilkanalisation des Flusses ein neuer, moderner Stadtteil. In Luxemburg wird nichts dem Zufall überlassen. Alles sieht gut aus, selbst die Baustellen.
Am Ortsausgang ein kleiner, unscheinbarer, perfekter Supermarkt. Es liegen noch einige Höhenmeter vor uns, und zwei Proteinjoghurts sind der Mindesttreibstoff. Zunächst geht es schlängelnd entlang der Wiltz. Nicht unten am Wasser, sondern auf dem Hochufer – also auf und ab. Giftige Anstiege, schöne Abfahrten, wieder giftige Anstiege, wieder schöne Abfahrten. Eine Herausforderung für Material, Technik und Schaltvermögen – und dennoch abwechslungsreich, einzigartig.
Ein Auengebiet queren wir über eine aufwendige Holzbrücke. Mitten in der Natur – kaum zu glauben. Dann verlassen wir das Wiltztal und fahren über eine kleine Passstraße hinauf ins Tal der Clerf. Ein sehr schönes Stück Straße, fast wie aus dem Bilderbuch. Man mag sich kaum vorstellen, für solche Touren bis in die Alpen fahren zu müssen.
Dann zweigt der Weg sogar von dieser schönen Straße ab und mündet in einen Wirtschaftsweg, der nicht minder aufregend auf und ab entlang der Clerve führt – durch schönste Orte, einer sogar mit einer kleinen Wasserfurt. Ist es zu fassen? Auch hier bleiben uns knackige Anstiege nicht erspart. Doch im Wissen, dass es nur noch acht Kilometer sind, erreichen wir schließlich Enscherange.
Dort haben wir ein Tiny House auf einem Campingplatz gebucht. Was heißt Campingplatz? So etwas habe ich selten gesehen: ein schönes Ensemble sogenannter Tiny Houses und noch kleinerer fester Unterkünfte. Alles wie ein Dorf – und fest in niederländischer Hand.
Zurück zum Wetter. Nach dem unsichtbaren Regen von gestern hatten wir das Vertrauen in alle Wetter-Apps verloren. Nun überfällt uns der Sommer. Hinterrücks. An einer Stelle wechseln wir sogar ins Sommertrikot. Und welcher Tag hätte besser gepasst für ein Tiny House auf einem Campingplatz als dieser – der Tag der Wiedereröffnung des Sommers?
Also: Beine baumeln lassen nach dieser anspruchsvollen Etappe, auf der Veranda sitzen, Kaffee trinken.
Erkenntnis des Tages: Holländer können campen.