Als wir uns von unserer Wirtin verabschiedet haben, suchen wir die Bar am Platz auf. Hier gibt es wirklich nur Kaffee, aber der Barista hat keine Einwände, dass wir ein Croissant aus der nahegelegenen Boulangerie verzehren. Inzwischen nieselt es – eigentlich schon etwas mehr als Niesel –, also noch ein zweiter Kaffee. Es soll ja heute überhaupt gar nicht regnen.
Dann machen wir uns auf den Weg, fahren zurück zur Maas und folgen lange dem schönen Uferweg. Feuchtigkeit liegt in der Luft. Noch einmal schauen wir auf das aktuelle Radarbild: Es zeigt Bewölkung, aber nicht, ob sie bis zum Boden reicht. So geht es weiter.
Nun verlassen wir den schönen Fluss und klettern zurück in die Ardennen – zunächst sanft, dann steiler. Der Tacho zeigt rot, 10 %, an, bis wir die Kuppe erreichen. Dort ein schöner Rastplatz, der im Regendunst nicht allzu weit blicken lässt. Dann wieder hinab zur nächsten Steigung. So geht es auf und ab, mal durch Wälder, mal durch Wiesen.
Nach 21 km ein Supermarkt, der größte der Region. Wir gehen einkaufen, das, was für die nächsten 20 km gebraucht wird. Ich warte die Fahrräder: Nachwachsen der Kette. Saubermachen.
Dann überwinden wir die nächsten Höhenmeter wieder auf einer Eisenbahntrasse. So ganz klar kann man das vorher auf der Karte nicht sehen. Aber nun folgen wir einem langen Band, das sich sanft nach oben bewegt. Wir sind in tiefen Wäldern ohne Ausblicke, aber auch ein wenig beschützt.
Dann endet auch diese Trasse, mündet aber in einen weiteren grünen Weg auf schottrigem Asphalt, garniert mit kleinen, scharfen zehnprozentigen Anstiegen. Anschließend eine lange Abfahrt und dann eine verwunschene, ehemalige Bahntrasse, fast zugewachsen. Aber immerhin mit einem – wohl aus vielen EU-Geldern wiederhergestellten – Viadukt, das ein tiefes Tal überquert.
Wir erreichen nun einen bedeutenden Wanderort: Herbeumont. Viele Restaurants buhlen um Kundschaft. Wir entscheiden uns für das in der Mitte gelegene Restaurant. Solide Mittagspause, noch ein wärmender Kaffee – und auf einmal Sonne im Wintergarten. Ein kleiner Höhepunkt.
Wir machen uns zum Zahlen bereit – und wieder diese unendliche Feuchte. Nun geht eine weitere Himmelsleiter durch den Wald hinauf, und mitten in der wohl längsten 10 %-Steigung schüttet es nur so herunter. Thea denkt: Dann ist es wenigstens nicht zu heiß. Ich quäle meinen Ackergaul mit Kleiderschrank über den Berg.
Und dann die große Überraschung: eine Landschaft wie die Hochrhön – und Wetterwechsel. Die Straßen sind trocken. Wir haben tatsächlich eine Art Wetterscheide erreicht, jedenfalls für den Augenblick.
Nun geht es flott weiter bis kurz vor unseren Zielort Neufchâteau. Ein deutsch-französischer Soldatenfriedhof aus dem Ersten Weltkrieg lässt uns innehalten. Vereint sind hier deutsche und französische Soldaten beigesetzt. Ein Erinnerungsbuch am Portal zeugt vom regen Besuch. An einem Tag im August 1914 starben hier Tausende von Soldaten auf beiden Seiten.
Am Zielort beziehen wir Quartier in einer alten Villa. Alles scheint im Innern 100 Jahre und älter zu sein. Äußerlich hätte man diesen Glanz dem Haus gar nicht angesehen. Was für ein schöner Ort, um wieder warm und trocken zu werden.
Dann Supermarkt: Wir kaufen uns ein paar Köstlichkeiten der Region und freuen uns auf unser Abendessen in der Küche mit parkähnlichem Ausblick.
Erkenntnis des Tages: Hinter spitzen Krallen verbirgt sich ein gütiges Herz.