Donnerstag, 11. Juni 2026

KANal-les so schön sein? – Rethel - Sedan


So schön das Foto ist, es zeigt den untypischsten Teil unserer Strecke abseits des Canal des Ardennes. Der Weg führt hier kurzfristig durch die Felder und passiert einen kleinen Pilgerort.

Übernachtet haben wir in einem windschiefen Haus in einer der ältesten Straßen von Rethel. Am Morgen gehen wir zum Bäcker aus der Backstube. Es duftet nach Gebäck, und in den Auslagen liegt die ganze Herrlichkeit der französischen Backkunst für den Nachmittag. Dazu ein Café au lait und ein Café noir, und wir sitzen im Verkaufsraum. Guter Start.

Die Sonne scheint aus einem bewegten Himmel. Aus dem Stadtverkehr fädeln wir uns ein in den Canal des Ardennes. Diesem und seinen Anschlusskanälen folgen wir nun über achtzig Kilometer bis nach Sedan.

Die Herrlichkeit des Lebens. Pappeln zu Beginn, Schleusen, die dann in schneller Folge den Aufstieg bis zum Scheitelpunkt ermöglichen, wo der Kanal aus einem nahen See gespeist wird. Teilweise alle fünfhundert Meter ein kleines Schleusenhäuschen – natürlich sind sie nicht alle besetzt, sondern werden von mobilen Schleusenwärtern bedient. 

Tatsächlich können wir diesem Schauspiel zweimal folgen: viel Handarbeit, viel Warten, bis das Becken gefüllt und das Boot auf die nächste Ebene angehoben und transportiert ist.

Der Weg selbst, säuberlich für beide Fahrtrichtungen markiert, besteht aus bestem Belag, weit und breit. Keine Menschenseele, ein paar Fischreiher, ein paar Katzen, die durchs Dickicht streifen. Vögel, und an manchen Hochufern ein kleiner Dorfflecken. Alle zwanzig Kilometer eine größere Ortschaft, wiederum mit Bäckerei, die mit durchaus reizvollen Plätzen zum Verweilen einlädt.


Wir gleiten dahin, ohne Anstrengung, sogar angeschoben von dem weiterhin zuverlässig blasenden Südwestwind. Es ist eine wahre Freude.


Dann schließlich wird der Kanal sogar durch einen Tunnel geführt – was für ein Schauspiel. Wir nähern uns Sedan, was man an den ersten Graffitis an den ansonsten so gut gepflegten Schleusenhäusern erkennt. Die Stadt selbst, die größte auf unserer ganzen Tour: Wir brauchen eine Weile, bis wir zum Zentrum kommen und dort unser Quartier beziehen – in einer Seitengasse zum Château-Fort.

Am Morgen hatte ich den Verlust einer Schraube an meiner Satteltasche entdeckt. Ein Radladen hatte auch hierfür Ersatz. Ich hatte auf meiner Nordkap-Tour gelernt, dass kleinere Defekte nach Möglichkeit sofort behoben werden sollten. Schön, dass das so unkompliziert geklappt hat.

Die Unterkunft? Privat. Feierlich. 

Was für eine schöne Strecke.

Erkenntnis des Tages: Auf dem Rad kommt man schneller über den Berg als mit dem Boot.


Mittwoch, 10. Juni 2026

Landschaftskino oder Ackergaul trifft Weidekühe – Fourmier - Rethel


Am Morgen verlassen wir unser Hotel am Teich nach einem guten Frühstück und folgen zunächst einer schönen Strecke durch den Wald, teilweise auf alter Eisenbahntrasse bis Hirson. Es ist noch kühl und feucht, aber die Sonne blitzt schon sachte hindurch. Ein kurzer Halt, und dann Landschaftswechsel.


An diesem Tag verlassen wir den EuroVelo 3, der als eine Art Jakobsweg für Radfahrer bis nach Santiago führt. Eine kleine Hinweistafel im Wald weist darauf hin. In Hirson setzen wir den Weg anders fort und folgen einer Strecke auf Nebenstraßen, die kleinteilig individuell geplant, sich als sehr pittoresk entpuppt.


Wir sind nun in der Thiérache, die uns hügelig, grün, durchzogen von Hecken, kleinen Wäldern und Bächen empfängt. Je weiter wir nach Süden kommen, desto offener wird die Landschaft. Das dichte Grün weicht allmählich einem weitem Horizont. Die Wälder lichten sich. Und Getreidefelder in der Ferne kündigen den Übergang zur Champagne an. 



Es ist wunderbar, diese wechselnden Topographien zu genießen, auch wenn es bedeutet, dass wir mit den Rädern auf und ab fahren. Ist eben kein Wunschkonzert. Mal lassen wir uns an einer Kreuzung von einer Herde Kühe bestaunen. Mal setzen wir die Fahrt zwischen Weizenfeldern und Hecken fort. Manchmal ist es eine Fahrt durch die Ortschaften wie bei der Tour. 

Ich treibe meinen Ackergaul derweil über die Höhen. 

Der Blick öffnet sich weiter, ach diese Ahnung von Champagne. Es wird sanfter. Wie wunderbar! 

Der Wind weht sehr kräftig aus Südwest. Aber mit einigen Pausen am Wegrand gelangen wir dennoch schon am frühen Nachmittag nach Rethel.

Eine muntere Stadt mit stolzer Mairie,
Nicht größer als Ippendorf. 

Erkenntnis des Tages: Die französische Provinz verfügt über ausgezeichnete Straßen — und atemberaubende Ortsdurchfahrten.


Dienstag, 9. Juni 2026

Sekt oder Selters…?

…, dann lieber Joghurt. Herrlich, diese Unterwegs-Tankstellen. Und hinterher schön den Mund sauber machen

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Tanze Sambre mit mir, ein gestrandeter Wal und immer schneller als die Wetterfront – Thuin - Formies

Am Morgen verlassen wir die Oberstadt von Thuin und fahren hinunter in die Unterstadt. 


Direkt an der Sambre kehren wir in eine Boulangerie ein: vier Pains au chocolat. In einer zweiten holen wir zwei Kaffee. Wir frühstücken in der Morgensonne.



Dann beginnt ein Tanz entlang der Windungen des Flusses. Ein gut angelegter Uferweg führt uns durch stille, idyllische Landschaft nach Westen. Kein Schiffsverkehr. Dafür alte Schleusen, sorgfältig nummeriert, umgeben von ein paar Häusern. Alle acht Meter steht eine kräftige Schwarzpappel. Ein Bilderbuchweg.


In der Ferne die bewehrten Kirchen der Gegend, umgeben von Häusern aus grauem Stein. Kühe auf den Wiesen. Und hier endlich ein kleiner Lastkahn, der sich langsam vorarbeitet.


Zwanzig Kilometer Flussweg – wie im Paradies. Die Grenze zeigt sich schlicht: belgischer Asphalt weicht französischem Schotter. Wir kommen nach Jeumont, dem Grenzort, und verlassen ihn gleich wieder. Immerhin, ein Schild nach Paris. Es geht weiter nach Süden, in den Naturpark L’Entre-Sambre-et-Meuse.



Die Landschaft ist landwirtschaftlich geprägt. Weite Wiesen, darauf verstreut Baumgruppen. Es geht auf und ab. Hecken säumen den Weg und brechen den Südwestwind, der an diesem Tag kräftig weht. Eine Wiese lädt zur kurzen Rast ein. Unwillkürlich ragt in den Feldern ein französischer Bunker aus dem Grün – wie ein gestrandeter Walfisch, der traurig in die Landschaft blickt, ein Relikt der Kriege, die hier zwischen Deutschen, Franzosen und alliierten Truppen tobten.


Dann weiter nach Solre-le-Château. Auf dem Marktplatz kehren wir ein. Die Bar ist offen. Wir sitzen unter dem Kriegerdenkmal, frische französische Fahnen flattern. Menschen schlendern vorbei. Schaukeln, Kleiderstände, Obst aus der Region.



Eine Wetterfront rückt näher. Nieselregen mahnt zur Eile. Also weiter zum Ziel: Fourmies. Ein alter Industriort. Hier nahm die Arbeiterbewegung des 1. Mai ihren Lauf – nach dem Massaker von 1891, als Soldaten auf streikende Arbeiter schossen.



Wir fahren hinaus zu mehreren Teichen einer ehemaligen klösterlichen Fischzucht. Heute ein stilles Freizeitgebiet. Ein Restaurant am See hat gerade geöffnet. Ein Strandbad alter Schule gibt es auch. Wir kehren zum Essen ein und belohnen uns.


Das Hotel liegt gleich daneben. Einfacher geht es nicht.


Erkenntnis des Tages: Flüsse tanzen, wenn ihr Schwung und Glitzer stimmen.




Montag, 8. Juni 2026

Your Disco Needs You – Ciney - Thuin



Your disco needs you – oder: Durchs Mühltal zur Maas und auf der Eisenbahn nach Westen 



In Ciney wohnen wir mitten im Zentrum. Wir hören das Klappern der Marktbeschicker am Morgen, gehen in die Boulangerie, frühstücken auf dem Markt, machen unsere Fahrräder fertig und verlassen Ciney westwärts. Leichte Kletterei, und dann durch das Mühlental am Fonds de Leffe hinab zur Maas – eine pittoreske, schlängelige Straße an unzähligen Mühlen vorbei. Die breiten Pneus an den Rädern holpern über die Dellen der Straße. 


Bis wir nach langer Schussfahrt ans Ufer der Maas gelangen. Über eine betagte Schleusenanlage überqueren wir den Fluss aufs andere Ufer, folgen ihm ein paar Kilometer 
an gut eingedeichten Ortschaften, um dann auf alten Eisenbahntrassen westwärts dahinzurollen.
Stillgelegte Eisenbahntrassen sind das Herzstück des Netzes unabhängiger Wege in Belgien (RAVeL). Diese zumeist über hundert Jahre alte Infrastruktur wird vom Staat sorgsam gepflegt, instand gehalten und kontinuierlich betreut. Dort, wo früher die Schwellen verlegt waren, sind die Wege mit bestem Straßenbelag asphaltiert. Die Wegränder werden regelmäßig gemäht. So kann man mit dem Rad Wege nutzen, die meist ohne nennenswerte Steigung (maximal vier Prozent waren von Lokomotiven bewältigbar) genutzt werden können, um auch Mittelgebirge optimal zu durchmessen. Oft ziehen sich die Wege über Höhenrücken und nutzen die natürliche Topografie. Einschnitte in den Fels und Tunnelanlagen erlauben es, die Trassen auch durch unwegsames Gelände zu verlegen und große Höhenhindernisse zu überwinden. Diese Infrastruktur weiterhin instand zu halten, ist die eigentliche Leistung des belgischen Staates.

Von achtzig geht es bald auf zweihundertzwanzig Höhenmeter hinauf, kaum merklich. Alle Einschnitte sind mit Viadukten überwunden. Und so gleiten wir meist oberhalb der Ortschaften auf einer Hochbahn in den Westen. Große Räume öffnen sich hier zwar mit Monokulturen, aber hier und da findet sich ein schöner Rastplatz im Grünen. Und die vermeintlich laut Karte härteste Steigung erspart uns der Tunnel der früheren Strecke durch den Berg, sodass wir viele Höhenmeter einfach verschwinden.
 
Picknick am Rand. Herrlich. 


Früher als gedacht haben wir die zweiundachtzig Kilometer bewältigt und erreichen Thuin, eine Stadt mit hübscher Unter- und Oberstadt, vergleichbar etwa mit Marburg. Dort beziehen wir eine wunderbare Ferienwohnung mit Blick ins Tal.

Was für eine begeisternde Fahrt. 

Erkenntnis des Tages: Partys kommen manchmal unerwartet. 


Sonntag, 7. Juni 2026

Kopfsteinpflasterparadies

Im Kopfsteinpflaster-Paradies ist es natürlich immer schön, sich mal durchrütteln zu lassen — umso wichtiger, das Material am Morgen dann wieder zu überprüfen.



Ardennen – Alles außer flach – Stavelot - Ciney


Stavelot – Ciney

Nach einem inspirierenden Frühstück mit Gedichten des Dichters Guillaume Apollinaire in der wunderbaren Pension und einem Check der Fahrräder fahren wir durch die stillen Kopfsteingassen hinauf zum stillgelegten Bahnhof und fädeln uns auf die Trasse ein. 

Nun geht es in langer Schussfahrt durch grüne Wälder hinab. Dann schlängeln wir uns eine Weile auf einer Nationalstraße, aber immer noch gut getrennt vom Autoverkehr, entlang, ehe wir auf ländliche Wege geleitet werden. Und die abwechslungsreiche Topografie bekommen wir zu spüren. Hier und da werden die schönen Wege mit Anstiegen mit zweistelliger Prozentzahl garniert, die wir tapfer bewältigen, um auf den fruchtbaren Höhenlagen einen weiten Blick in die Landschaft zu haben. Schließlich geht es in langer Schlussfahrt hinab zu Ourthe. 


Ein Kajak- und Wassersportparadies, wo sich ein Campingplatz und eine Freizeitanlage wie eine Perlenkette an die andere reiht. An einem Sonntag ist es für Radfahrer ein kleiner Slalomparcours zwischen all den Wanderern und Freizeitsuchenden, aber ansonsten ein idyllischer Flussweg.

In Durbuy, der kleinsten Stadt der Welt, die aussieht als habe sie für Playmobil Modell gestanden, bietet Mittelalter im Touristenformat an. 

Nach kurzer Rast durchfahren wir den munter bevölkerten Ort und verlassen das Tal über einen steilen Anstieg. Die Belohnung ist grandios. Eine Hochebene, die im Zweiten Weltkrieg als Abwurfpunkt für Fallschirmspringer und Nachschub diente, lässt uns von einem Aussichtspunkt über die gesamte Landschaft blicken.

Wir haben die Ourthe verlassen und müssen uns nun noch durch ein paar giftige Einschnitte kämpfen, ehe wir schließlich die letzten sieben Kilometer wieder auf einer stillgelegten Trasse nach Sinsin gleiten. Ein munterer Ort auf den ersten Blick, mit einem großen Platz, vielen Lokalen – und einem Zimmer ganz nach unserem Herzen. An diesem sonnenbeschienenen Platz haben wir eine anstrengende Etappe mit vielen Höhenmetern tapfer bewältigt.

Erkenntnis des Tages: Ardennen, alles andere als anspruchslos. Und doch — jeder Anstieg, jede Höhe die Mühe wert.



Samstag, 6. Juni 2026

Kurz fahren, viel sehen




Dass wir ausgerechnet dort Unterkunft nehmen würden, wo der junge Dichter Apollinaire mit neunzehn Jahren Zeit verbrachte, bevor er von hier ohne Begleichen der Pensionsrechnung nach Paris entfloh, konnten wir nicht ahnen, als wir die Buchung vornahmen.

Ein schöner Zufall. Wir erholen uns noch ein wenig auf dem hübschen Platz des Ortes, gehen in die nahe Pfarrkirche Sankt Sebastian und bewundern in einem kunstvollen Goldschrein die Reliquien des heiligen Remaclus. Das Kloster ist seit der Säkularisierung bald eine Ruine geworden und später wieder neu entdeckt worden; seit 2002 beherbergt es verschiedene Museen, ein schönes Café und dient als Ort für Hochzeitsfeiern. Das Motorsportmuseum huldigt der nahen Strecke von Spa-Francorchamps mit einer grandiosen Sammlung von Motorrädern und Rennwagen aus allen Epochen. Wirklich bemerkenswert. Es gibt sogar eine Michel-Vaillant-Ecke. 


So vergeht die Zeit, bis unsere Pension öffnet. So vielfältig. Überrascht dann noch eine Fotoausstellung des hier ansässigen Künstlers zur Jahrhundertwende zum zwanzigsten Jahrhundert. 

Erkenntnis des Tages: Kurze Etappen lassen viel Raum für Kultur.

Réseau Autonome de Voies Lent. Stadtkyll – Stavelot



Wie reist man, wenn man auf langsamen Wegen unterwegs ist? Relativ flott. Noch vor fünfzig Jahren wurde diese Trasse mit Chemikalien von Pflanzen befreit, donnerten lange Güterzüge mit Material für die militärischen Camps über die Strecke. Nach der Stilllegung hat es noch eine Weile gedauert, ehe die Überzeugung gereift war, daraus langsame Verkehrswege zu machen und diese für Reiter, Wanderer und Radfahrer zu erschließen. In Belgien ist daraus ein riesiges Netz entstanden, das unter dem Kürzel RAVeL ausgezeichnet beschildert und kartografiert ist.

So führt uns der Weg von Jünkerath der Trasse folgend durch fruchtbare Landschaften, vorbei an schönen Sichtachsen und sogar einer Wasserbüffelherde, die man dort angesiedelt hat. Die Ortschaften laden zum Verweilen ein, und alte Eisenbahnanlagen wie hier die Wassertankstelle für die Dampfloks, die bis Ende der Siebzigerjahre auf der Strecke verkehrten, ehe sie 1989 stillgelegt wurde, erzählen die Geschichte der Region. Hie und da erklären Schautafeln das Geschehene.

Wir erreichen Malmedy, eine Stadt mit einer preußischen Episode, einer vierjährigen Annexion durch Deutschland 1940-1944 und einer versehentlichen Zerstörung durch die Befreier gegen Ende des Krieges. Am Hauptplatz zum Kaffee und später eine typische Stärkung in einer Friterie. Dann setzen wir die Fahrt fort.

Wir fahren weiter » einem der ältesten Orte Belgiens: Stavelot. Rund um das Kloster hat sich hier eine freundlich verschlafene Stadt entwickelt, mit viel Betrieb am Platz und viel Humor in Bezug auf die allgegenwärtige Kirche. Der zeigt sich besonders in den Masken, die am Fest von Laetare aufgezogen worden sind und noch immer an manchen Häusern hängen.

Bei bester Tempoarbeit auf hervorragend präparierten Pisten, erreichen wir schon gegen Mittag unser Etappenziel. Ein Nachmittag voller Muße bleibt.