Es gibt Ausflugsziele hier in der Region, die müssten zum Besuchskanon gehören.
Am Rand des Grand Canyon stehend, war ich nicht weniger fasziniert als am Besucherzentrum des Tagebaus Hambach. Auch wenn man über diese Form der Energiegewinnung trefflich streiten kann, darf man sich nun auch darüber freuen, dass sie ein Ende hat – vorausgesetzt, wir wissen, unseren Energiebedarf klug anders zu decken.
Für Landschaftsplaner dürfte dies eine Generationenaufgabe sein: einen solchen immensen Eingriff in die Natur durch Neugestaltung zu kompensieren. Die Pläne, die beiden Tagebaugruben zu fluten, sind monumental und ebenfalls eine mindestens zwei Generationen umfassende Aufgabe.
Umso wichtiger ist es, sich diese Sehenswürdigkeit noch einmal anzusehen. Obwohl ich schon fünfmal dort war, war auch dieser Besuch nicht weniger faszinierend.
Das gehört in jeden Heimatkundeunterricht: Eine Radtour um den Braunkohletagebau Hambach. Wir fahren hier mit dem Fahrrad durch eine Landschaft, die sich in den letzten fünfzig Jahren vollständig verändert hat.
Seit 1978 werden hier die oberen Bodenschichten abgefräst, um die Kohleflöze freizulegen. Unsere Tour beginnt in Mannheim-neu, einem neu angesiedelten Ort. Das Original – Mannheim-alt – existiert nicht mehr offiziell. Nach dem Beschluss der Energiewende wurden die Umsiedelungspläne zwar aufgehoben, aber es gab keinen Weg zurück. Der alte Ort war größtenteils bereits abgerissen.
In Manheim-neu finden sich ein modernes Bürgerzentrum und die wiederaufgebaute Pfarrkirche aus dem alten Ort — ein Symbol der Kontinuität in einer veränderten Landschaft.
Von Manheim-neu führen gut ausgebaute moderne Straßen bis zur Abbruchkante. Das Besucherzentrum Terra Nova bietet einen weiten Blick auf den Tagebau. Die Grube geht bis in 325 Meter Tiefe. Die riesigen Schaufelbagger verschwinden in der Ferne beziehungsweise in der Tiefe.
Eine gut ausgebaute Straße mit schönem Radweg führt von hier weiter. Ein Informationsstand dokumentiert die Pläne für den künftigen Hambacher See: Bis zum Ende der Braunkohleförderung — geplant für 2029 — werden die unermüdlichen Bagger noch arbeiten. Dann beginnt die Flutung. Ab 2029 wird Rheinwasser von Dormagen aus in den Tagebau Hambach und in den nördlichen Tagebau Garzweiler geleitet. Bis 2070 sollen insgesamt 7 Millionen Kubikmeter Wasser den See füllen. Ob der Klimawandel allerdings so viel Wasser hergibt, bleibt abzuwarten.
Die Route passiert Baustellen der Rheinwasserzuleitung und führt an alten Alleen vorbei. Höllen ist einer der typischen Orte. Viele andere dieser Größe sind seit 1978 an anderer Stelle verschwunden. Die Ziegelsteinhäuser aus unterschiedlichen Jahren prägen das Bild. Man ahnt, wie die Landschaft ausgesehen haben mag.
Weiter geht es um die Sophienhöhe — eine seit 1978 aufgeschichtete Abraumhalde, inzwischen systematisch bewaldet. Die Sophienhöhe ist inzwischeneine der höchsten Erhebungen in Nordrhein-Westfalen und bietet Wanderwege undAusblicke über die gesamte Tagebaulandschaft. Alles Abraum plus Mutterboden
Wir erreichen den namengebenden Ort Hambach – unauffällig in seiner Erscheinung, aber bekannt durch seinen Forst. Der Hambacher Forst liegt allerdings mehrere Kilometer westlich. Hier war lange umstritten, ob der Wald dem Tagebau weichen müsse. Es kam zu Blockaden und Protestaktionen. Inzwischen hat sich die Situation beruhigt. Der Forst blieb teilweise bestehen ist aber durch die Besetzeraktivitäten sehr mitgenommen.
Die Route führt weiter nach Bürgewald, früher unter dem Namen Morschenich bekannt. Dieser Ort sollte verschwinden – mit dem Tagebau sollte er abgebaggert werden. Nach der Energiewende wurde die Umsiedlung nicht durchgeführt. Die meisten Bewohner waren zu dem Zeit schon umgesiedelt. Morschenich blieb erhalten und wurde 2023 in Bürgewald umbenannt, mit dem Untertitel „Ort der Zukunft". Aber es ist ein Geisterort mit geisterhaften Restbewohnern oder Neubewohnern.
Die profanisierte Kirche ist 2023 abgebrannt. Der Ort steht direkt an der Tagebaukante. Am künftigen See gibt es offenbar Kritik. Naja, um die Frischwasserproblematik schweigen sich die Infotafeln aus.
Ähnlich wie in Bürgewald stand Manheim-alt schon lange auf der Abbaggerliste. Nur noch die ehemalige Pfarrkirche steht. 2015 feierte man ein letztes Schützenfest und Gottesdienst und beendete die Ansiedlung. Die Kirche ist markanter Punkt und stilles Monument der Umsiedelung geblieben. Die ausgebauten Fenster der Kirche haben in der modernen Pfarrkirche in Manheim-neu wieder Verwendung gefunden. Aber auch dieser bereits abgeräumt Ort bleibt verschont und wird in der zukünftigen Planung als Standort für einen Aussichtsturm gehandelt.
Die komplette Radtour bildet eine 58-Kilometer-Schleife und führt einmal um die gesamte Tagebaulandschaft. Es ist eine einzigartige, von Menschen umgestaltete Landschaft. Ab 2030 beginnt der lange Weg der Renaturierung und vielleicht auch der Schaffung neuer lebenswerter Räume.

