Am Morgen verlassen wir unser winziges Häuschen. In einem Tiny House muss man die Laufwege seines Partners genau kennen, um sich überhaupt darin bewegen zu können. Es ist eigentlich wie ein kleines Verschiebespiel, bei dem man Quadrate in die richtige Richtung schiebt, bis sich ein Bild ergibt.
Am Ende sitzen wir jedenfalls mit fertig gepackten Taschen und präparierten Fahrrädern vor unserem Häuschen und essen Brötchen, die uns der Campingplatz ans Haus gestellt hat. Dann geht es los. Es ist noch niemand auf der Straße.
Das Tal der Clerf liegt einsam vor uns, und über schöne Alleenstraßen mit teilweise exzellentem Asphalt klettern wir langsam wieder auf die Höhe Richtung Clervaux. Der Ort, überragt von seinem Klosterturm, liegt noch verschlafen vor uns. Dann Glockengeläut oben vom Klosterberg.
Wir schlängeln uns durch den Ort hinauf. Auch hier großartige Kanalarbeiten, und Leerstände werden mit farbenfrohen Großplakaten kaschiert, die die Freizeitwerte des Ortes feiern – dann wieder Idylle pur.
Wir fahren meist parallel zur Eisenbahnlinie, werden aber auch immer wieder geschickt am Hang hochgeführt, manchmal die Strecke kreuzend, sodass wir an einer Stelle vor der Schranke zum Stehen kommen und ich dem Lokführer einen Gruß zuwerfen kann.
Dann geht es steil durch kleine Ortschaften und über eine letzte große Kuppe hinüber nach Troisvierges. Hier hat jemand schon alles ausgekundschaftet und kennt den Bäcker vor Ort, der mit einem großartigen Angebot an Backwerk und dem besten Kaffee der letzten zehn Tage glänzt. Eine echte Stärkung.
Wir rollen am Bahnhof vorbei und dann über einen abwechslungsreichen Weg durch Felder und Wälder, mit teilweise sehr harten Anstiegen im Bereich von 10 Prozent, hinauf auf das Plateau. Zum offiziellen Beginn der Vennbahn ist es nicht mehr weit.
Bis zur höchsten Erhebung Luxemburgs, dem Kneiff – 560 Meter – ist es ebenfalls nicht mehr weit. Der Weg dorthin ist nicht ausgeschildert, aber der topografische Sonderpunkt wird patriotisch gefeiert: mit Fahne und einer mehrsprachigen Erläuterungstafel. Erinnerungsfoto.
Nun schießen wir von der Höhe hinab, passieren das einzige Grenzschild auf unserer ganzen Reise – das belgische ist schon verloren gegangen, das luxemburgische fast zugeklebt – und fahren Burg-Reuland entgegen.
Hier verläuft der Weg sehr idyllisch, teilweise durch Wälder, teilweise durch Wiesen, durch das Tal der Our. An einer Bank rasten wir.
Nun entfernt sich der Weg von der Trasse, auch weil viele Brücken beschädigt oder eingestürzt sind, und mäandert durch die Landschaft. Wie anstrengend es ist, wenn man sich nicht auf einer idealen Trasse bewegt.
Es dauert schließlich bis Sankt Vith, dem zentralen Ort der Ostkantone, bis wir uns der stillgelegten Linie wieder nähern.
Es ist kühl im Venn, wie eigentlich immer, und trübe. So richtig sonnig habe ich es hier selten erlebt. Rechts eine Hochmoorlandschaft, ein wenig aufgelockert durch Hecken und kleine Baumgruppen – ein bisschen öde.
Der Wind bläst uns zur Abwechslung entgegen. Der zuverlässige Südwestwind der letzten neun Tage, der heute ideal gewesen wäre, hat sich einfach gedreht. Also noch einmal eine Herausforderung. So ein Ärger!
Pause am Windrad. Kilometer null der Vennquerbahn.
Es sind nur noch vier Kilometer bis zu einem Sportlerdorf, das am großen See von Bütgenbach liegt, mit Strandbad, Tennis- und Fußballplätzen, eingebettet in die Natur. Hier könnten einmal ökologisch korrekte Sommerspiele stattfinden.
An der Rezeption wird uns das Olympiaquartier zugewiesen und auf das abendliche Buffet im Sportlerheim – nein, Restaurant – verwiesen.
Erkenntnis des Tages: Olympische Spiele könnten für viele Sportarten sofort im Hohen Venn stattfinden.
Belgien ruft die Jugend der Welt!