Dienstag, 5. Juni 2018

Künstliche Intelligenz – Die Mechanisierung und Delegation des Lesens, ihre Wirkungen auf die Gesellschaft und wie sie den Fachinformationsmarkt verändern werden.


Lesen gehört neben Rechnen und Schreiben zu unseren wichtigen Kulturfertigkeiten. Lesen ist notwendiger Teil unserer Kommunikation. Wir reflektieren unser Wissen durch Lesen.
Künstliche Intelligenz kann Menschen inzwischen das Lesen »abnehmen«, ja im Grunde mechanisieren. Was verändert die »Übertragung« des Lesens an ein Programm und welche Auswirkungen hat dies für alle, die den Lesestoff kreieren, verbreiten und aufnehmen: Autoren, Verlage, Buchhandlungen, Leser? 

Verliert Lesen an Bedeutung?
Auch in der heutigen Zeit wird viel gelesen. Die Lesequellen sind vielfältig. Für einen großen Teil des Publikums ist es die Lektüre auf elektronischen Handgeräten, die das Aufnehmen von Information in den letzten zehn Jahren dramatisch verändert haben. In vielen Fällen haben sie auch das bisherige analoge Lesemedium (Buch, Zeitung) ersetzt. Schnelllesen wird unterstützt durch die Möglichkeit, mit einer Fingerbewegung den Text in Bewegung zu bringen und am Auge – viel schneller als beim dynamischen Lesen früherer Zeiten –  vorbeiziehen zu lassen. Zu kurz kommt das »kontemplative Lesen«, das gleichsame Versinken in den Text, Innehalten und Reflektieren des Inhalts.

Ungeachtet des Mediums bleibt das Lesen noch eine persönliche Angelegenheit. Doch drängen zunehmend Programme zur Marktreife, die versprechen, Texte mittels hoher Rechenleistung und Programmierung zu »verstehen«. Führend ist hier das Programm IBM Watson, das Texte strukturiert und begreift und in der Lage ist, auf in natürlicher Sprache gestellte Fragen ausformulierte Antworten zu geben.

Herkömmliche Suchmaschinen vermitteln lediglich relevant erscheinende Internetseiten, auf denen man die passenden Antworten auf Suchkombinationen erwartet. Hier muss der Mensch noch entscheiden, ob die ihm angezeigten Ergebnisse relevant sind oder die Suche verfeinert werden muss.
Beim kürzlichen Besuch bei IBM erlebte ich, wie dem Programm Watson eine große Menge juristischer Texte zu den Themen Familien-, Erbschafts-, Miet- und Kaufrecht zur Analyse gegeben wurde. Anschließend konnte unsere juristisch ausgebildete Gruppe Fragen stellen und die Antworten bewerten. Wir waren von der Richtigkeit der Ergebnisse sehr erstaunt.
Verlieren wir wichtige Kulturfertigkeiten?
Die Frage, die ich mir stellte, war, ob ich angesichts dieser Programmierergebnisse die Beantwortung von Alltagsfragen in naher Zukunft einem Programm überlasse, weil ich darauf vertrauen darf, dass diese verlässlich beschieden werden. Mit der Unterschrift unter meinem Brief oder E-Mail erkenne ich das Ergebnis dieser programmierten Antwort als richtig an oder korrigiere die Antwort gegebenenfalls, wenn sie mir nicht zutreffend erscheint.

Geben wir die Verantwortung für alles, was für unser tägliches Leben notwendig war (Wetter-, Fahrplanauskünfte, etc.) an diese Technologien ab und ersetzen wir sogar Grundfertigkeiten wie Lesen und Verstehen? Erkennen Sprachassistenten unsere Wünsche und machen uns Kommunikationsvorschläge, wenn dies nicht sogar automatisch erledigt wird?

Man mag einwenden, dass die genannten Beispiele einfache Fälle beträfen und eine solche Technologie des Verstehens und Antwortens dann scheitere, wenn es sich um komplexe Themen oder eigenschöpferische Elemente handelt oder die Psychologie oder das Momentum eine Rolle spielen.
Die Schönheit eines Gedichts, die Eleganz eines Romanciers lassen sich nicht durch die objektive Erklärung ersetzen, sondern können nur durch Lektüre erfahrbar werden.
Doch wer sagt, dass die Grenzen, an die das mechanisierte Lesen durch künstliche Intelligenz jetzt noch stößt, nicht auch überwunden werden und dem betrachtenden Menschen Vorschläge unterbreitet werden, die ihn überzeugen und wir mangels Übung einen Teil unserer Kulturfertigkeiten, die des Lesens, langsam verlören?

Ich bin sicher: In vielen Alltagsbereichen wird das delegierte Lesen zum Alltag werden. Google Mail macht neuerdings auch seinen deutschen Kunden Beantwortungsvorschläge für eingegangene E-Mails, sprachbasierte Systeme berücksichtigen bereits Ort, Zeitpunkt und die fragende Person, um richtige Auskünfte zu geben.
Der Angriff auf die Autoren, Leser, Verlage, Buch- und Pressehandel
Stellt programmiertes Verstehen von Texten und Beantworten von Fragen in natürlicher Sprache nicht auch einen Frontalangriff auf die Arbeit von Autoren, Verlagen und Vertreibern von Leseprodukten dar?

Wir erleben, dass Telefonbücher, Kursbücher für Verkehrsmittel und ein großer Teil der Ratgeberliteratur überflüssig geworden sind, weil viele Information wie von selbst ständig aktuell und leicht zugänglich, oft barrierefrei und zumeist ohne weitere Kosten vorliegen.
Für viele Bereiche der einfacheren Information sind Autoren die Gegenstände abhandengekommen. Reduziert sich damit das Schreibprogramm auf Stoffe, die sich mit Programmen (noch) nicht erschließen lassen oder so komplizierte Themen betreffen, dass es eines menschlichen Geistes bedarf, die vielen Fäden zu einem neuen Ganzen zu ordnen oder überraschenden, neuen Lösungen zuzuführen?
Gehen den Verlagen Autoren, Themen und Leser aus?
Ich glaube, die große Herausforderung für Verlage wird darin bestehen Felder zu finden, die sich einem programmierten Verstehen entziehen. Ich bin sicher, dass die Vielfältigkeit des Lebens genügend Material zur Verfügung stellen wird, dass Menschen diese Stoffe bearbeiten, alsdann lesegerecht aufbereiten und diese Texte dann mit einer klugen Vermarktung in geeigneter Form an das Publikum bringen. Diese Angebote müssen so überzeugend sein, dass die Freude, sich in diese Lektüre zu vertiefen, erhalten bleibt und Momente schaffen, die den Fachleser zu neuen Lösungsmöglichkeiten anregen, dem Genussleser berührende Erfahrungen bieten und dem Connaisseur den Wohlklang der Sprache erfahren lassen. Nur so kann man der automatisierten Lesestoffproduktion der Unternehmen, deren elektronischen Geräte wir nutzen, etwas Wertschöpfendes entgegenstellen.

Doch zweifellos hat das Silicon Valley bereits viele Bereiche, die vor einigen Jahren noch in der Hand der Verlage waren, an sich gezogen. Dabei wird es sicher nicht bleiben! Doch ich bin überzeugt, dass Verlage heute immer noch gültige Angebote in einer menschengerechten Form machen können, die uns nicht zum Spielball der immer weiter vordringenden Algorithmen machen.