Am Mittwoch gehen wir in den Vatikan und kommen am frischen Campo de’ Fiori vorbei, wo die Händler gerade ihre Stände beschickt haben und der Platz noch schön aufgeräumt ist. Durch die Gassen westlich der Piazza Navona. In den Höhlen der Häuser immer noch Handwerker: Schneider, Polsterer, Motorradmechaniker, die hier ihre Geschäfte haben. Hier und da ein Römer auf dem Weg zur Arbeit.
An der Engelsburg öffnet sich der Blick auf den Tiber und das gewaltige Bollwerk. Über die antike Brücke hinüber auf die große Versöhnungsstraße, deren imperialer Gestus immer noch ein wenig irritiert. Wir nähern uns dem Petersplatz und der Umarmung der Kolonnaden.
Von Weitem sehen wir schon, dass auf den Stufen Gesang ertönt, und nun ahnen wir, dass wir in die Audienz des Papstes geraten sind. Klein ist das Papamobil zu erkennen, das im Kreis über den Platz fährt. Auf dem Bildschirm kann man alles besser erkennen, eine Kamera überträgt alles. Hinaufgereichte Kinder, Winken hier, Jubeln da. Bis nach einer weiteren Runde das Papamobil am Podest in der Mitte vor dem Hauptportal ankommt.
Ansprache auf Italienisch. Eine kleine Exegese, heute zu Maria und der Jungfrau von Fatima. Gefolgt von Kurzfassungen in den wichtigsten Sprachen: Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch, Portugiesisch, Chinesisch, Arabisch.
Alles sehr schön. Der Papst wirkt sachte freundlich zugewandt. Dann folgt ein Strom Auserwählter – ich würde sie auf 200 schätzen –, die abschnittsweise vorgelassen werden und ein paar Worte mit dem Papst wechseln. Es sind Geistliche, Gläubige, Kinder, Politiker, Ärzte, Polizisten, Feuerwehrleute – das ganze Spektrum des Lebens. Alles wird über Bildschirme genau übertragen. Man spürt: für jeden ist es der Tag der Tage. Und jeder führt irgendetwas mit sich: ein selbstgeschriebenes Buch, ein Trikot, ein Bild zum Segnen, ja sogar eine große Glocke steht bereit. Für jeden hat der Papst freundliche Aufmerksamkeit. Die kleinen Geschenke, die ihm überreicht werden, gibt er umgehend weiter – vermute ich. Man wünscht sich natürlich, dass es eine Art Geschenkregelung gäbe. Was soll der gute Mann mit all dem Kram.
So geht es eine Stunde lang, während sich auf dem Petersplatz eine Schlange formiert, die nach Ende der Audienz in den Petersdom zu strömen gedenkt. Hier stehen wir weit über eine Stunde, gehören aber zu den Ersten in der Wartenden, die sich an der Grenze von Italien zum Vatikan schon bald um den halben Petersplatz herumschlängelt. Schließlich kommt Bewegung in die Angelegenheit, und wir betreten das Gotteshaus durch das Hauptportal.
In der Ferne die Pietà von Michelangelo. Wir gehen durchs Mittelportal, wo die Dimensionen anderer Kirchen – unter anderem des Kölner Doms – auf Lateinisch markiert sind. Erstaunlich genug, dass diese überdimensionierte Bahnhofshalle trotz all ihrer Kunstwerke insgesamt stimmig wirkt. Jedes Grabmal, jedes Mosaik, jedes Standbild für sich ein Meisterwerk und wert, eingehend betrachtet zu werden.
Die Gläubigen verlieren sich in dem großen Gotteshaus.
Der Altar und der Baldachin von Bernini: überwältigend, aber inzwischen nur noch durch Seile getrennt mit gehörigem Abstand zu betrachten. In der Apsis Vorbereitungen für einen Gottesdienst, die Orgel erklingt – aber all das neben dem gesamten anderen Betrieb. In einem Seitenschiff Beichtstühle für alle erdenklichen Sprachen, in einer anderen Ecke auch eine moderne Zuhörmöglichkeit mit schönen Stellwänden.
Wir verweilen ein paar Momente vor der Pietà von Michelangelo hinter Glas. Wir verlassen Sankt Peter, geblendet von der Sonne draußen, und wenden uns dem Zugang zur Kuppel zu. Wir entscheiden uns für die Aufzugvariante. Der Aufzug erspart uns allerdings nur den Weg bis zum Balkon, während das mühsame Hinaufklettern bis zur Laterne doch noch selbst unternommen werden muss.
Erst auf breiten Treppen, dann gebückt zwischen den Schalen der Kuppel – bis ganz nach oben. Auch hier Überwältigung und der Gedanke daran, dass diese Kuppel nun beinahe 500 Jahre trägt und mit damaligen Mitteln bewerkstelligt worden ist. Bleibt unvorstellbar.
Auf dem Dach fast wie ein kleines Feriendorf: ein Souvenirladen, eine Bar und die Möglichkeit, sich zu setzen und zu waschen. Ein paar Postkarten, Briefmarken aus dem Vatikan – und von dort, auf dem Dach, direkt versandt.
Wir steigen hinab. Die Stiege zur Kuppel ist voll mit Inschriften der Gäste, die diese Stufen begangen haben. Fast wie überdimensionierte Postkarten. Kurios.
Als wir den Petersplatz verlassen, ist immer noch Gesang von Gläubigen zu vernehmen und eine endlose Schlange vor den Sicherheitskontrollen in den Kolonnaden – und anschließend eine Warteschlange zum Eintritt in den Petersdom. Da haben wir noch mal Glück gehabt. Um den Petersdom selbst unglaubliches Gedränge, und eine ebenso lange Schlange für den Einlass ins vatikanische Museum. Mit einigem Geschick finden wir ein paar Gassen, die uns etwas menschenärmer hinausführen, ehe wir vor einem für römische Verhältnisse ungewöhnlich langen Regenschauer in einem Imbiss verschwinden und den Sturm abwarten.
Jetzt übers frische, glatte Kopfsteinpflaster zurück nach Trastevere. Es ist inzwischen halb sechs.
Der Weg zum Himmelreich ist lang und mühsam. Lang und mühsam. Aber für italienische Verhältnisse gut organisiert.