
Es gibt Orte, an denen verdichtet sich alles. Der große Bibliotheksraum im S. Fischer Verlag gehört dazu. Als junger Verlagsmensch stellte ich dort vor 18 Jahren mein Programm einer Rechtsratgeberreihe vor und musste es vor einer von Berufs wegen skeptischen Verlagsvertretergilde verteidigen. Unbekümmert stellte ich mich und gewann Zustimmung und begann diesen Raum zu lieben. Von allen Wanden blickten mich die schön gestalteten Bände des Verlagsprogramm an, in die ich mich bald als Herausgeber der Reihe würde einreihen dürfen. Ich lehnte mich in den Stuhl zurück und erlebte, wie ein Programmleiter nach dem anderen sein Programm vorstellte und sich zum Teil harter Kritik aussetzen musste. Zugleich faszinierte mich, dass in jenen Augenblicken über Leseerlebnisse eines riesigen Publikums entschieden wurde. Die Anwesenheit der Verlegerin, die mit ruhiger Würde und wenigen Bemerkungen der Diskussion Richtung gab, beeindruckte mich nicht weniger. Am Ende des eintägigen Vorstellungsmarathons, dem ich als Gast regelmäßig im Frühjahr und Herbst beiwohnen durfte, war ich aufgeladen mit Meinungen, Leseproben, Vorschautexten, Titelabbildungen, erfüllt von klugen Beiträgen und fühlte mich inmitten des kulturellen Betriebs der Republik. 18 Jahre später bin ich noch immer regelmäßig zu Gast in diesem Raum. Längst stelle ich keine Programme mehr vor, sondern komme als Freund des Hauses mit der verblassten Würde eines ehemaligen Herausgebers. Und so privat, wie ich dort bin, so privat sind die Gespräche, die ich an diesem wundervollen Ort führen kann. Die Stühle sind dieselben wie damals, aber nun darf ich mich entspannt, bei einem Glas Wein vor der Bücherwand niederlassen, den Kopf meinem Gesprächspartner zuwenden, seinen Gedanken folgen und erwidern. Sicher hängt die Qualität eines Gespräches nicht vom Ort ab, aber ein wunderbarer Ort lässt schöne Gedanken fliegen und wirken, so wie die Zeit. Wunderbarer Ort, wunderbarer Mensch bleib! Oder komm wieder.