Sonntag, 13. September 2026

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke.


Um eine lückenlose Verbindung zwischen Bonn und dem Nordkap herzustellen, fehlt noch genau ein Teilstück: Hameln–Berlin.

Eine dienstliche Veranstaltung im Adlon bot Gelegenheit, auf dem Hinweg das Fahrrad mitzunehmen und den Anzug dann zusammen mit den zurückzusendenden Tagungsunterlagen auf den Heimweg zu geben, um mit kleinem Gepäck in zwei Tagen diese Lücke zu füllen.



Der Doorman vor dem Hotel macht noch ein Foto, dann fädle ich mich in den Feierabendverkehr in Berlin ein und verlasse über die Heerstraße die Stadt Richtung Westen. Nach dem Funkturm ist alles prima. Das Radwegenetz in Berlin ist besser als sein Ruf, und so gelange ich schnell, grob Richtung Potsdam, nach Brandenburg.


Ein Teil der Route führt über den Mauerweg, der hier, von der Natur überwältigt, seinen Schrecken längst verloren hat. Viele Gewässer, aufgeräumte Natur und vor allem wunderbare Straßen, oft mit einem separaten, gut geteerten Fahrradweg. Tatsächlich gibt es auf meiner 400 Kilometer währenden Tour keine einzige unangenehme Verkehrsbegegnung.


Im Osten geht die Sonne schneller unter. Kurz nach acht ist es dunkel, aber gut beleuchtet folge ich den vielen Kreiseln und langen Geraden, mäandriere zwischen den Gewässern und bin überrascht, dass selbst einen halben Kilometer vor der Stadtgrenze von Brandenburg kein Lichtermeer auf mich wartet. Es ist wirklich dunkel, wenn man über Land fährt.

Es ist wenig los an diesem Freitagabend, und durch ein Industriegebiet erreiche ich ein gewaltiges Hochhaus alter Prägung mit Mischnutzung, auch als Hotel. Schmuckloses Entree, das Fahrrad passt so gerade in den Aufzug, dann eine großzügige Suite.

Es ist 22 Uhr. Um 4 Uhr morgens soll es weitergehen.

Die Nacht ist kurz. Eine erfrischende Dusche, kein Frühstück, und nun geht es erst einmal auf endlosen Geraden durch die Nacht. 13 Kilometer geradeaus, dann ein leichter Schwenk, 12 Kilometer geradeaus – und so geht es immer weiter, bis ich um 20 nach 6 Burg erreiche.

Im Osten fängt der Tag früher an.



In der Bäckerei bin ich der erste Gast. Herrliches Frühstück. Meine erste Standzeit. Es hätte auch Knäckebrot sein können, denn die älteste deutsche Fabrik für dieses Gebäck steht hier.



Dann erreiche ich das Wasserstraßenkreuz, an dem der Mittellandkanal über die Elbe geführt wird. 



Ein gewaltiges Bauwerk, dessen Geschichte weit zurückreicht. Schon 1905 begann der Bau des Mittellandkanals. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren bei Magdeburg bereits wesentliche Teile der späteren Kanalbrücke und der Schleusenanlagen errichtet. 1942 kam der Baustopp. In der DDR wurde das Vorhaben zunächst nicht weiterverfolgt; zu groß waren Aufwand und Materialbedarf, und an einer Ost-West-Verbindung bestand wenig Interesse. Mehr als sechs Jahrzehnte standen die alten Widerlager an den Ufern der Elbe. Erst nach der Wiedervereinigung wurde die Verbindung wieder aufgenommen, nun mit dem Ziel, die Wasserstraßen zwischen Hannover, Magdeburg und Berlin durchgehend auszubauen. 2003 war es so weit: Die Kanalbrücke über die Elbe wurde fertiggestellt. Die neue Schleuse Rothensee ersetzte das inzwischen veraltete Schiffshebewerk. Ich fahre mit dem Rad über dieses Stück deutscher Verkehrsgeschichte.



Auf gut ausgebauten Straßen und durch aufgeräumte Orte erreiche ich dann den Punkt östlich von Helmstedt, an dem die deutsche Teilung und zugleich die Teilung Europas besonders deutlich sichtbar wird.

Helmstedt-Marienborn war der größte und bedeutendste Grenzübergang an der innerdeutschen Grenze. Über die Autobahn 2 lief hier die Hauptlast des Transitverkehrs zwischen Westdeutschland und West-Berlin. Zugleich führte der Weg für Reisende in die DDR, nach Polen und in andere Staaten des Ostblocks über diesen Kontrollpunkt. Von 1945 bis 1990 regelten hier die westdeutschen und ostdeutschen Kontrollstellen den Grenzverkehr. Auch die Eisenbahnstrecke zwischen Braunschweig und Magdeburg besaß entsprechende Kontrollstellen in Helmstedt und Marienborn. Heute ist kaum noch vorstellbar, welche Bedeutung dieser Ort einmal hatte.



Nun befinde ich mich wieder im alten Westen, in Niedersachsen, im pittoresken Königslutter. Am höchsten Punkt des Ortes steht der Kaiserdom, den der römisch-deutsche König Lothar III. im 12. Jahrhundert errichten ließ. Der Bau strahlt noch immer jene große Würde aus, die mit seiner ursprünglichen Funktion verbunden war. Der Dom gehört zu den wichtigsten Kulturdenkmälern der Romanik in Deutschland und war das erste Großgewölbe nördlich des Harzes. Seine Architektur verrät die enge Verbindung zu oberitalienischen Kirchenbauten, etwa in Modena, Verona und Piacenza. In seiner Bedeutung steht er in der Reihe der großen Kaiserdome und wird nicht ohne Grund mit dem salischen Dom zu Speyer verglichen.

Weiter geht es Richtung Braunschweig, eine Stadt, die ich zuletzt vor 20 Jahren besuchte und die inzwischen auch markante Hochhäuser am Rande der Innenstadt aufweist. Ich umfahre sie; 



mein Hauptaugenmerk gilt der mir unbekannten Stadt Hildesheim, in der meine Tochter ihren Master anstrebt. Ein schönes Fachwerkensemble und ein Domareal, wohltuend geschützt vor dem Lärm der Zeit.



In Hameln überquere ich die Weser an einer gewaltigen Staustufe. An Wasser scheint es ihr jedenfalls nicht zu mangeln. 



In der Stadt sind an den Kreuzungen die possierlichen Nager ausgestellt, die der Rattenfänger so trefflich in die Weser lockte.



Dann kämpfe ich mich durchs Weserbergland. Ich bin immer wieder beglückt, wie schön diese sanften, aber langen Anstiege durch grüne Wälder sind – und wie ebenso schön die Abfahrten. Ich streife die Mittelgebirgszüge des Lipper Berglandes und des Teutoburger Waldes nur am Rande und fahre über ruhige Nebenstraßen schließlich von Lemgo nach Bielefeld.



Die Seidensticker-Stadt. Vor Jugendlichen scheint es rund um den Bahnhof nur so zu wimmeln, ein riesiger Auslauf von Menschen.



Ich erreiche den Bahnhof 24 Minuten vor Abfahrt meines Zuges. Der Zug kommt pünktlich, aber nur in der halben Ausstattung. Umso länger bummle ich mit gehöriger Verspätung nach Köln und erreiche dort einen späten Zug nach Hause – um 3 Uhr morgens.

Am Sonntag habe ich den Lückenschluss vollendet.



Bonn – Nordkap: durchgehend.